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ARTE Journal - 25/06/12

70 Jahre Hannes Wader

Hannes Wader gehört zu den ganz großen deutschen Liedermachern. Sein Lied "Heute hier, morgen dort" ist längst ein deutsches Volkslied geworden. Gerade ist der abliefernder und Ex-Kommunist 70 Jahre alt geworden. Mit ARTE spricht er über sein neues Album, über seine französischen Einflüsse und über den Tod...


"Heute hier, morgen dort" - so hat sich Hannes Wader einem breiten Publikum in die Herzen gesungen. Mit seiner einzigartigen Stimme und dem weichen Gitarrenspiel. Im August erscheint sein 39. Album, nicht ganz pünktlich fertig zum Geburtstag. Seit fast 50 Jahren schreibt Hannes Wader eigene Lieder und spielt ebensoviele Konzerte jedes Jahr. Mindestens.

Dabei empfindet sich Wader nicht als geborenen Bühnenkünstler, oder wie er das formuliert: als Rampensau. Noch heute hat er Lampenfieber, und ist unsicher zu Beginn seiner Auftritte. "Jeden Abend, wenn ich auf der Bühne stehe, muss ich erstmal durchatmen. Und dann bin ich gezwungen, bei jedem Konzert mein Lied "Heute hier, morgen dort" zu spielen. Erst wenn ich das ohne Fehler geschafft habe, und ich kann das Lied im Schlaf, erst dann fühle ich mich sicher."

Angst vor dem Publikum, gleichzeitig der Drang auf die Bühne - Wader hat schon vor 20 Menschen gespielt und vor 500.000. "Ich denke, dass ich ganz früh etwas überwinden wollte. Ich wollte groß rauskommen aber gleichzeitig hat mich das Publikum immer verängstigt." Kein Vergleich zu seinem Freund und Liedermacher Konstantin Wecker, mit dem er in den letzten Jahren gemeinsam auf Tournee war. Dabei entstand auch der wunderbare Dokumentarfilm von Rudi Gaul, der bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. In "WaderWeckerVaterland" kommt er den beiden so unterschiedlichen Künstlern sehr nahe. Und er spürt auch dem politisch bewegten Leben des Hannes Wader nach.

Wader war mitten drinnen in den Studentenunruhen 1968 in Berlin. Sie verändern sein Leben. Anders als zu Beginn seiner Karriere versteht er sich zunehmend als politischer Liedermacher. 1977 tritt er in die Kommunistische Partei Deutschlands ein und singt Arbeiterlieder. Für Aufsehen sorgte seine Verhaftung 1971 auf einem Konzert. Wader hatte seine Hamburger Wohnung einer angeblichen NDR-Reporterin überlassen. In Wahrheit handelte es sich um die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin. Für Wader folgte eine schwierige Zeit, es ist der Beginn einer mehrere Jahre dauernden Verfolgung durch die Justiz. Daran denkt er nicht gerne zurück.

Lieber spricht er über seine Einflüsse. Neben Bob Dylan vor allem der Franzose George Brassens. "Ich verstand kein Französisch, hab mir das übersetzen lassen und war wie vom Donner gerührt. Das man solche Inhalte singen kann – unglaublich!”. Wader ist beeindruckt und schreibt sein erstes Lied: "Das Loch unterm Dach." Seine Texte sind genauso provokant wie die von Brassens.

Provokant ist auch sein bald erscheinendes Album. Darin singt der 70jährige vor allem über den Tod. “Da ist mir so viel eingefallen, und fällt mir immer noch ein – ich schreibe immer weiter. Meine Frau argwöhnt, dass das meine Art ist, meine Panik oder Angst vorm Tod zu kompensieren, in dem ich so rotzige Verse darüber schreibe. All das Leiden, Demenz, Tod – das ist alles ein unglaublicher Scheiß. Ich glaube auch den Leuten nicht, die sagen, dass auch der Herbst schöne Tage hat. Alt werden ist das allerletze.”

Seinen Geburtstag feiert Hannes Wader im ganz kleinen Kreis, mit seiner Frau, irgendwo in Frankreich. Kein großes Konzert mit Freunden oder Kollegen. Dafür wird er in Deutschland gefeiert. Bei seinem Plattenlabel Universal ist gerade ein Tribute-Album erschienen: Liedermacher zwei Generationen jünger als er singen Hannes Wader. Die größte Ehrung aber stammt von den Toten Hosen: vor 85.000 Zuschauern würdigte Sänger Campino beim Festival Rock am Ring die Texte von Hannes Wader als "mit das beste, was im Nachkriegsdeutschland geschrieben wurde". Und dann spielen die Hosen ihre Version von "Heute hier, morgen dort". Und Hannes Wader ist gerührt. "Dass die Toten Hosen das jetzt aufführen: Toll, fantastisch!"

Maik Meuser für ARTE Journal

Die Hommage der Toten Hosen an Hannes Wader:




Erstellt: 25-06-12
Letzte Änderung: 25-06-12