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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 05. August 2012 > der Gegenstand: der Gebetsteppich

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Wiederholung - 05/08/12

der Gegenstand: der Gebetsteppich

Petra Mokdad ist Libanesin, sie studiert Ergonomie in Paris. An einem Sonntagabend ist sie zufällig auf Karambolage gestoßen und bekam Lust, uns von ihrem Gebetsteppich zu erzählen.

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Das ist mein Gebetsteppich, mein "psalié". Ich bin 25, bin Muslimin und dies ist mein zweiter Teppich. Vor zwei Jahren, vor meiner Abreise nach Frankreich, stand ich vor einem Problem: seit ich neun war, benutzte ich denselben Teppich wie meine Schwester, wie sollte ich in Frankreich nur ohne Gebetsteppich zurechtkommen? Meine Mutter hatte eine Lösung: Sie schenkte mir einen Teppich, den sie in ihrem Schrank versteckt hatte. Er ist aus blauem Samt und hat einen Kompass. Teppiche mit Kompass sind gerade sehr in Mode. Früher fragte ich meine Mutter nach der Richtung, oder ich beobachtete, in welche Richtung sie betete und tat es ihr gleich. Hier in Frankreich ist das schwieriger, hier brauche ich diesen Kompass, um die Himmelsrichtung von Mekka zu finden, in die ich beten muss. Doch wenn ich einmal keinen Kompass haben sollte, dann würde ich einfach in irgendeine Richtung beten: für mich ist Gott überall!

Auf meinem Teppich ist die Moschee abgebildet, in der das Grabmahl des Propheten Mohamad liegt. Es gibt auch Teppiche mit anderen Motiven: die Moschee Al-Aqsa in Jerusalem, Al Ka’aba in Mekka, usw. Eigentlich empfiehlt der Islam, einfache Gebetsteppiche, ohne figurative Abbildungen oder Verzierungen, aber die sind heutzutage selten: selbst Gebetsteppiche sind zu Konsumgütern geworden!

Das Gebet ist eine religiöse Tradition, und für manche eine Verpflichtung. Es wird von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Mich hat meine Mutter damit vertraut gemacht. Ich sah sie dreimal täglich auf dem Teppich beten, und habe es ihr nachgemacht, ohne zu verstehen, wie wichtig und wohltuend dieser Teppich ist. Das habe ich erst später begriffen. Ja, ich bete drei mal am Tag, und nicht fünf mal. Normalerweise beten Muslime fünf mal am Tag. Ich komme jedoch aus einer schiitischen Familie und bei dieser Glaubensrichtung macht man aus 5 Gebeten drei. Ich finde das gut, es ist praktisch, denn so läßt sich das Gebet mit den Anforderungen des Alltags, des Studiums, der Arbeitszeiten usw. verbinden.

Bevor ich mich auf meinen Teppich knie, führe ich ein paar Rituale durch, und zwar sogenannte Waschungen. Ich wasche meine Hände, meine Füße, mein Gesicht, usw. Auf meinem Teppich muß ich sauber und leicht sein. Ich ziehe ein weites, weißes Kleid an. Mein Gebet dauert fünf bis zehn Minuten, ich sage Verse aus dem Koran auf und verneige mich dabei. Manche Verse sind immer gleich, sie bilden eine Grundlage. Danach kann ich weitere Verse meiner Wahl hinzufügen. Manchmal bete ich eine Stunde lang, das hängt ganz von meinem Bedürfnis nach Meditation und Stille ab. Normalerweise bete ich alleine auf meinem Teppich. Ich kann aber auch in der Moschee beten oder mit Freunden: dann knien wir nebeneinander und einer von uns leitet das Gebet.

Dieser Teppich ist Teil meiner Identität. Er begleitet mich überallhin. Er hilft mir, mich zu öffnen, mich von Spannungen, von negativen Gedanken, von der Last des Lebens zu befreien. Schon im Libanon waren manche Leute überrascht, wenn sie den Teppich in meinem Zimmer entdeckten. Und in Frankreich höre ich dauernd: "Was, du betest? Aber du bist doch ein moderne Frau, du führst ein aktives Leben! Und wo findest du die Zeit zum Beten?" Ich höre Unveständnis, ja fast Misstrauen aus diesen Bemerkungen heraus. Wie gerne würde ich meinen Gebetsteppich benutzen, ohne erstaunte Blicke zu ernten.

Text: Petra Mokdad
Bild: Elsa Perry


Erstellt: 10-07-12
Letzte Änderung: 19-07-12


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