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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 03. Juni 2012 > das Spiel: die Pétanque

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Karambolage Wiederholung - 03/06/12

das Spiel: die Pétanque

Unser Journalist Hajo Kruse erzählt uns heute die Geschichte einer wahren französischen Leidenschaft: Boules spielen.

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Ach, die Pétanque! Gibt es eine französischere Sportart? Sie haben richtig gehört, Sportart habe ich gesagt. Ich weiß, Sie denken, die Petanque sei ein sommerlicher Zeitvertreib für französische Rentner, die auf einem schattigen, platanenumstandenen Dorfplatz, umringt von zirpenden Grillen und neugierigen Touristen, unter minimalem körperlichen Einsatz, jedoch heftig palavernd, kleine Metallkugeln ein paar schlappe Meter weit werfen. Sie haben völlig recht.

Meist gehört noch ein Glas Pastis dazu und die berühmte Frage: "Eh ! Tu tires ou tu pointes ?" Das heißt: "Schießt du die andere Kugel weg oder plazierst du deine?" Das Ganze passiert in Südfrankreich und ist in den Stücken und Filmen von Marcel Pagnol, dem provenzalischen Heimatdichter, verewigt. Es stimmt, diese pittoresken Szenen gibt es tatsächlich. Die Pétanque ist jedoch auch ein ganz offizieller Sport, mit Turnieren und Meisterschaften rund ums Jahr. Ein Sport in dem die Franzosen, wen wunderts, mit schöner Regelmäßigkeit Weltmeister sind. Der Pétanque-Verband ist die viertgrößte sportliche Vereinigung Frankreichs. Pétanque ist Mythos, Sport und Volksvergnügen in einem und in absolut jeder französischen Stadt gibt es ein Terrain zum Boules spielen.

Die Spielregeln? Man spielt auf einem 15-20 m langen, ebenen Gelände, mit Stahlkugeln in der Größe eines Apfels, 650 bis 800 Gramm schwer, und einem kleinen Holzkügelchen, das seltsamerweise Schweinchen heißt: "le cochonnet". Das Schweinchen ist das Ziel. Der Spieler steht mit beiden Beinen in einem Kreis und versucht, seine Kugel durch Rollen oder Werfen so nahe wie möglich an das Schweinchen zu bugsieren. So. Der Rest ist Taktik, Strategie und Palaver. Schon die alten Römer und Griechen warfen mit Geldmünzen und Steinen, um sich gegenseitig ihre Geschicklichkeit oder auch ihre Kraft zu beweisen. Das Boule-Spiel, bei dem man mit Kugeln, also "boules", spielt, wurde vermutlich von römischen Legionen nach Gallien, genauer nach Marseille und Lyon gebracht. Die Kugeln waren aus Holz oder Leder, in Stahl eingefasst oder mit Nägeln beklopft. Im 19. Jahrhundert entstand das "jeu provençal", das auch heute noch gespielt wird und der direkte Vorläufer der Petanque ist. Beim "jeu provençal" ist das Spielfeld sehr lang, bis zu 24m. Deswegen nimmt der Spieler Anlauf und führt einen kleinen Sprung aus, bevor er seine Kugel kraftvoll in Richtung Schweinchen wirft. Das ist recht elegant und athletisch.

So. Begeben wir uns jetzt nach La Ciotat, neben Marseille, Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein gewisser Jules le Noir, hervorragender Spieler des "jeu provençal", ist in seinem fortgeschrittenen Alter seiner Beine nicht mehr mächtig. Deshalb erfinden die Gebrüder Pitiot, zwei befreundete Cafebesitzer, speziell für ihn eine neuartige Version des "jeu provençal". Der Spieler steht hierbei mit beiden Beinen unbeweglich und wirft seine Kugel nicht ganz so weit. Ein neues Spiel ist erfunden! "Pétanco" heisst auf provenzalisch mit fest verankerten Füßen. "Pétanco", also Pétanque. 1910 gab es das erste Turnier. Davon zeugt eine Gedenktafel auf dem Terrain in la Ciotat. Von La Ciotat aus verbreitete sich die Pétanque allmählich in der ganzen Welt, nicht zuletzt durch die Einführung des bezahlten Urlaubs, in dessen Genuss die Franzosen 1936 kamen.

Ich finde, dass die Pétanque nicht nur die französischste aller Sportarten ist sondern auch die angenehmste: sie ist nicht anstrengend, absolut jeder kann mitmachen und obwohl kaum etwas dabei passiert, kann man wunderbar lange über jeden Wurf debattieren, sich zanken und wieder versöhnen. Wie sagte doch Marcel Pagnol: "Wenn eine Partie Boules beginnt, dann entsteht ein ganzes Dorf".

Text: Hajo Krus
Bild: Joris Clerté

Erstellt: 01-06-12
Letzte Änderung: 01-06-12


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