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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 29. April 2012 > der Ausdruck: bis in die Puppen

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Karambolage 266 - 29/04/12

der Ausdruck: bis in die Puppen

Luisa Jendrek erklärt uns nun, woher der eigenartige Ausdruck bis in die Puppen kommt.

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"Gestern haben wir bis in die Puppen gefeiert." Sicher, die Deutschen wissen, dass diese Redewendung bedeutet, dass man die Nacht zum Tag gemacht hat. Wenn man "bis in die Puppen gefeiert hat", ist man also bis in die frühen Morgenstunden ausgegangen. Aber wissen Sie auch, woher der Ausdruck kommt? Es handelt sich bei diesen Puppen nicht um das Spielzeug von kleinen Mädchen. Ein Ausflug in die deutsche Geschichte...

Wir befinden uns im Jahr 1700, in Berlin, genauer gesagt im Tiergarten, der grünen Lunge der heutigen Hauptstadt. Kurfürst Friedrich III. ist es leid, Umwege in Kauf zu nehmen, um seine hochgeliebte Gemahlin Sophie Charlotte zu besuchen. Er besorgt sich aber nicht etwa ein besseres Pferd, er stellt auch keine schnelleren Kutscher an. Nein, er lässt kurzum Bäume fällen, Schneisen schlagen und eine Allee bis hin zu ihrem Schloss bauen. So entsteht der Große Stern mit den strahlenförmig angelegten fünf Straßen. Auf deren Schnittpunkt in der Mitte befindet sich übrigens heute eines der berühmten Berliner Wahrzeichen: die Siegessäule; Die kennen Sie sicher von der Berliner Loveparade, Marathonläufen und etlichen Großveranstaltungen. Doch zurück zu unserer Geschichte und den Puppen.

Um 1750 lässt der Enkel von Friedrich III. an diesem Platz Statuen aus der antiken Mythologie aufstellen: Gelbe Sandsteinfiguren in Lebensgröße. Und wen stellen Sie dar? Hier sehen wir Bacchus, den Gott des Weines, Flora, die Göttin der Blumen und Blüten, hier Feronia, die Blumenliebende, Ceres für die Landwirtschaft, da Pomona, die Göttin des Obstsegens. Und sie darf natürlich auch nicht fehlen - Felicitas, Göttin des Glücks. Diese Statuen wurden von den Berlinern spöttisch "die Puppen" genannt. Nun lag der Große Stern damals ziemlich weit vor den Toren der Stadt. Ein Spaziergang bis zum Tiergarten, bis zu den "Puppen", dauerte oft mehrere Stunden. "Bis in die Puppen gehen" hieß also, eine weite Strecke zurücklegen. Diese räumliche Bedeutung wurde schließlich aufs Zeitliche übertragen und heißt seitdem so viel wie "sehr lange".

Wenn Sie jetzt diese Skulpturen im Tiergarten bewundern möchten, werden Sie feststellen, dass es diese "Puppen" heute nicht mehr gibt. Sie verschwanden, als Kaiser Wilhelm II. im Tiergarten 32 Denkmäler und 64 Büsten aufstellen ließ, die die Geschichte Brandenburgs und Berlins erzählen. Aber das hindert die Deutschen nicht, trotzdem bis in die Puppen zu tanzen, zu feiern und zu schlafen...


Text: Luisa Jendrek
Bild: Meike Fehre

Erstellt: 27-04-12
Letzte Änderung: 14-05-12


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