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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

> Sendung vom 25. März 2012 > die Geschichte: der Krieg oder das Versteckspiel

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Karambolage 263 - 25/03/12

die Geschichte: der Krieg oder das Versteckspiel

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Zur Erinnerung: Vor 50 Jahren wurden die Évian-Veträge unterzeichnet, die dem Algerienkrieg ein Ende bereiteten. Frankreich willigte endlich ein, auf seine Kolonie zu verzichten, Algerien wurde unabhängig. Aber es herrschte nicht sofort Frieden. Vorige Woche haben Sie die ergreifende Geschichte von Paul Ouazan gehört, der damals 8 Jahre alt war und wie eine Million anderer Heimkehrer Algerien nach der Unabhängigkeit verlassen musste. Wer diesen bewegenden Moment verpasst hat, findet ihn auf unserer Internetseite.

Heute erinnert sich der algerische Schriftsteller Boualem Sansal für Karambolage ebenfalls an seine Jugend. Boualem Sansal ist eine ehrwürdige Person, ein Schriftsteller, der mutig für seine Ideale und manchmal gewagten Thesen eintritt und dessen Bücher mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. 2011 erhielt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Bis er von seinem Nachfolger abgelöst wird, reist er nun durch Deutschland: Kolloquien, Debatten, Lesungen. Er ist Bote des Friedens.

Als wir Boualem Sansal in Algier anriefen, um ihm vorzuschlagen, einen Text für Karambolage zu schreiben, waren wir überrascht: Er kannte unsere Sendung und schaut sie oft in Algerien. Es fiel uns nicht schwer, ihn trotz seines vollen Terminkalenders für uns zu gewinnen. Hier also die Erinnerungen des jugendlichen Boualem Sansal an eine höchst unruhige Zeit - die Tage nach der Unterzeichnung der Évian-Verträge:

"Man durfte nicht mehr aus dem Haus gehen, nicht mal im eigenen Viertel. Mama war krank vor Angst, hysterisch. 'Bleibt drinnen! Seid ruhig! Haltet doch endlich den Mund!' schrie sie hundertmal am Tag. Unmöglich, aus einem zwanzig Quadratmeter großen Zimmer zu entwischen, das nur eine Tür und ein Fenster hat. Schlau musste man sein. Zum Glück war die Toilette draußen, hinten im Garten, dahin durfte man, so oft man wollte. Von dort aus hatte man Blick auf Algier. Unsere Straße, die Rue Darwin, sah man kaum, sie verlief unter uns, aber Algier sah man, das Cap Matifou am Horizont bis zur Casbah linkerhand, gegenüber das blau-weiße Meer und der Hafen, der sich wie immer zu Tode langweilte. Von überall stieg Lärm herauf, viel Lärm, Rauchschwaden, viele Rauchschwaden, schwarz, beißend, klebrig. Aber auch Stille, tiefe, kompakte, unergründliche Stille.

1962, im April: In Algier geht die Welt unter, an jeder Straßenecke wird gemordet. Der Algerienkrieg endete in einer schrecklichen Explosion von Gewalt, die Apokalypse sollte schlagartig, absolut und unwiderruflich sein. Die einfachen Leute wussten weder aus noch ein, sie rannten elendig, auf die Arbeit, zurück nach Hause, zum Markt, sie huschten die Mauern entlang, geduckt, mit panischem Blick. Sniper hielten die Stadt in Atem und sie schossen verdammt gut. Militärlastwagen donnerten mit wütendem Motorengeräusch vorbei, während Polizeiautos und Krankenwagen mit Vollgas vorbeirasten, aus voller Kraft heulten die Sirenen. In der Ferne hörte man stumme Schreie und Hupen, das so klang wie 'Ta-ta-ti ta-ta! Ta-ta-ti ta-ta!' So tönte es aus den europäischen Stadtvierteln und die muslimischen Viertel antworteten mit schrillen Youyous und Kochtopfgeklapper, ein Krieg der Dezibel und Schallwellen.

Die Évian-Verträge waren unter Aufsicht der UNO unterzeichnet worden, die Unabhängigkeit war beschlossene Sache, jetzt musste nur noch die Machtübergabe organisiert werden. Aber das sahen nicht alle so. Die OAS, die für ein französisches Algerien kämpfte, ermordete Verräter und Muslime, die Kämpfer des FLN, der Nationalen Befreiungsfront, ermordeten Verräter und Christen und machten Jagd auf 'Harkis', die Muslime, die auf der Seite der Franzosen gekämpft hatten. Doch das war nicht immer ganz eindeutig, oft waren die Morde willkürlich. Man tötete auch für Geld oder einfach so. In Belcourt, unserem Viertel, ging es Mann gegen Mann, dichtgedrängte Gruppen zogen mit offenen Messern und Knüppeln durch die Gassen und brüllten Morddrohungen. Belcourt wurde zu Babel, und es brach mit Getöse und Raserei zusammen. Freundschaften unter armen Leuten sind unbeständig und tückisch. In meinem Alter damals, also mit zwölf oder dreizehn, erkennt man das noch nicht, ein Toter ist ein Toter, ein Körper am Boden, Blut läuft aus dem Mund oder aus dem Bauch, man nähert sich, schaut, ob er atmet, ob man ihn kennt, mehr will man nicht wissen.

Wir warteten auf das Ende, meine Mutter hatte alles Erdenkliche in Betracht gezogen, konnte aber nichts tun. Ohne Geld, ohne Hilfe, wohin? Ihr Mann war wie viele Unabhängigkeitskämpfer in Gefangenschaft im Süden, seine Freilassung ließ auf sich warten. Ich sah, wie sie nachdachte: Sie wusste nicht weiter. Zur Flucht fehlte es jedoch nicht nur an Geld, meine Mutter war vor Angst wie gelähmt, sie bangte um sich, um uns, um alles.

Dann kam der Anruf. Kaci, der Lebensmittelhändler ist zu uns gekommen: Meine Mutter solle Odette, ihre französische Freundin, sofort zurückrufen. Das war so üblich, Kaci war der Rezeptionist und Briefträger der armen Leute unseres Viertels, man empfing und hinterlegte alles bei ihm, Briefe, Besorgungen... Als sie zurückkam, war meine Mutter völlig aufgelöst. Ihre Lippen zitterten. Wir beobachteten sie eindringlich. Dann seufzte sie, sah mich an und sagte: 'Zieh dich an, wir gehen los!' Ich rührte mich nicht, das war unglaublich, Mama war ein Angsthase, so etwas konnte sie doch gar nicht, hinaus in den Sturm gehen. Wir rannten von der rue Darwin in Belcourt bis zur rue Clément Ader in Champs-des-Manœuvres. Mit den Abkürzungen ein Kilometer, doch die Angst macht daraus drei, sie macht die Beine schwer.

Odette hatte Angst, die Befreiungsfront patrouillierte im Viertel, um Unruhen zuvorzukommen oder den Plünderern, die bei Odette einbrechen, sie vergewaltigen könnten. Sie fürchtete um ihr Leben und um das ihrer Tochter Geneviève. Odette war geschieden, sie war Verkäuferin in einem Geschäft, dessen Inhaber auf und davon war und nun zu denen gehörte, die man jetzt "pieds-noirs" nannte, also die, die nach Frankreich flüchteten. Odette wäre gerne in Algier geblieben. Mama hütete ihr Kind, wann immer sie darum bat. Sie waren gute Freundinnnen, halfen sich immer aus und backten füreinander Kuchen.

Wir brachten Odette und Geneviève zu uns. Odette hatte sich als Fatima verkleidet und trug einen Schleier. Ich mochte die Kleine, sie war fünf, doch sie ging mir auf die Nerven mit ihren Löckchen und ihrer hochnäsigen Art. 'Wenn es für drei reicht, reicht es auch für fünf', sagte Mama, als schäme sie sich für unsere Armut. Odette war auch nicht reich. Sie blieben zwei Wochen bei uns. Als sich die Lage etwas beruhigt hatte, ging die kleine Familie wieder nach Hause, packte ihre Koffer und schiffte am Hafen nach Frankreich ein. Wir begleiteten sie bis zur letzten Absperrung. Mama gab ihnen Kuchen und Mandelgebäck für die Reise. Der Abschied war schmerzhaft und dauert lange.

Bis zu ihrem Tod war diese Tat für meine Mutter etwas ganz Normales. Sie war stolz, macht aber nicht viel Aufhebens darum. Odette und Mama blieben ihr Leben lang in Kontakt."

Text: Elsa Clairon / Boualem Sansal
Bild: Claire Doutriaux / Elsa Perry

Erstellt: 22-03-12
Letzte Änderung: 09-10-12


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