Es war eine gute Idee der „Zeit“, sechzig Jahre danach, den 20.Juli 1944 von Walter Kempowski nach seiner Manier, die wir aus den tausenden von Seiten aus dem „Echolot“ kennen, nacherzählen zu lassen. Eine Collage, aus Briefen vor allem, Tagebucheinträgen, Erinnerungen von Zeitzeugen - mit etwas mehr Vorsicht zu genießen, weil Erinnerung natürlich verändert. Da entsteht ein Dokument von großer Dichtigkeit, verführerischer Authentizität.
Man begreift die Kempowski’sche Sammlergier, die ihn in den letzten 40 Jahren Tausende und Abertausende von Dokumenten in seinem Haus in Nartum bei Bremen hat zusammentragen lassen und durch die aus dem Romancier Walter Kempowsi immer mehr der Chronist des Jahrhunderts, Walter Kempowski, wurde, der immer mehr als Autor hinter die Dokumente zurücktrat. Vielleicht war es ein Akt der Bescheidenheit, Geschichte nicht mehr selber erzählen zu wollen, sondern sie neu erleben zu lassen durch die Berichte, Zeugnisse, Gegenstände von Menschen, die damals dabei waren und sie aufgehoben haben.
Walter Kempowski nur noch ein Sammler? Natürlich nicht. Man übersieht nur zu leicht, und mir ist es so gegangen, dass es da, zum 75. des Autors, auch wieder einen Roman gegeben hat. „Letzte Grüsse“. Es ist ein Roman, auch wenn er so verführerisch als Tagebuch einer Lese-Reise durch die Vereinigten Staaten daherkommt. Sicher hat Walter Kempowski in seinem Leben auch Lesereisen durch die USA gemacht, aber keine so kompakte, vielwöchige, abschließende, wie in diesem Roman. Und sein Held, Alexander Sowtschick, ist ein alter Bekannter aus Kempowskis Roman „Hundstage“, der nun „Deutsche Tage“ in den USA erlebt. Herumgereicht von den einschlägigen Kulturinstituten, zum Teil mit Missachtung behandelt, ständig auf Achse, Begegnungen mit Menschen, die nichts von ihm gelesen haben, die auch nichts von ihm wissen wollen, weil sie sich ihre Urteile über die Deutschen vor Urzeiten gebildet haben und sie von ihrem Besucher vor allem bestätigt haben wollen.
Das passt in seine Grundstimmung. Irgendwie geht es nicht weiter mit ihm. Die Einladung zur Lesereise kam zur rechten Zeit. Ein angefangener Roman will nicht werden, bei Seite 63 stockt der Schreibfluss und der Verleger, in Sorge um seine Vorschüsse, drängt. Sowtschick hat Albträume wegen der rechtlichen Folgen einer unbedachten Äußerung über einen Schriftstellerkollegen, den er einen „Dünnbrettbohrer“genannt hat. Und auch seine 40 jährige Ehe dümpelt so vor sich hin.
In dieser miesepetrigen Laune also die Reise durch Amerika. Mit zum Teil sehr komischen Situationen. Mit geradezu leitmotivischen Zorn - und Neidausbrüchen über ein paar Schriftsteller, die die gleiche Reise wie er machen, nur ein paar Tage vor ihm. Und wie werden die gut behandelt! Zum Teil hymnisch begrüßt, in besseren Hotels untergebracht, geschickter in der Selbstdarstellung, besser im Umgang mit den Medien, die von seiner Reise so gut wie keine Notiz nehmen. Spürbar gequälte Vertreter der deutschen Kulturinstitute – man hat ja schließlich auch anderes zu tun, als sich mit sich ständig beklagenden Schriftstellern aus einer anderen Zeit zu beschäftigen – sorgen dafür, dass sein Ruf, ein unleidlicher Zeitgenosse zu sein, ihm immer schon vorausgemeldet wird.
Aber sein Unbeachtetsein gibt ihm auch Chancen, Menschen anders zu erleben, seine Erlebnisse zu reflektieren. Man kennt das ja, die viele Zeit die man hat, zwischen den Terminen. Wo man sich ganz selbst überlassen bleibt, mit geringem Mut zu eigenen Unternehmungen. Und wenn man ihn dann doch hat, geht meist irgendwas schief.
Sowtschick beobachtet unglaublich genau. Sich und die anderen. Immer wieder die Frage: „Was mach ich hier eigentlich? Ist das noch meine Welt, was habe ich damit zu tun?“ Trauer ist über allem und Ironie. Mit der erträgt man die Abschiedsstimmung und kann über viele der komischen Situationen und Sowtschicks Reflektionen herzlich lachen. Herzlich? Oder nicht doch ein bisschen bitter, weil irgendwie etwas zu Ende geht.
Der Roman spielt übrigens 1989. Im Lauf der Lesereise und zunächst fast unbemerkt - weil man in den USA ja nie deutsche Zeitungen bekommt - hört man von den Schweigemärschen in Leipzig und in Dresden. Etwas bahnt sich an. Oder geht zu Ende. Ganz am Ende sogar das Leben von Sowtschick. Klarer Beweis dafür, dass es sich doch um Fiktion handelt und nicht um ein Tagebuch von Walter Kempowski. Auch wenn er mir einmal gesagt hat, dass in seinen Romanen es das auch immer ein bisschen ist. Wie sollte es anders sein.
Walter Kempowski„Letzte Grüße“
Albrecht Knaus Verlag, September 2003
ISBN 3-8135-0195-7







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