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21.05.2005 - 00.05 : metropolis - 19/05/05

60 Jahre Hiroshima

Gedenkveranstaltung in Hiroshima. Die Japaner erinnern sich an das bis heute einschneidendste Ereignis in Ihrer Geschichte. Am Morgen des sechsten Augusts 1945 fliegt ein amerikanischer Bomber über Japan. Sein Ziel: die Stadt Hiroshima. An Bord: die gefährlichste Waffe, die jemals gebaut wurde: die Atombombe. „Ground Zero“ nannten die Amerikaner den von ihnen völlig zerstörten Ort. Ein Feuerball von 6000 Grad ist über die Stadt hinweggefegt. Achtzigtausend Menschen sind sofort tot, mehr als Hunderttausend werden an ihren Verletzungen sterben. Drei Tage später: dasselbe in Nagasaki.

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Hiroshima heute: Im Zentrum der Stadt erinnert der Friedensgedächtnispark an das ungeheure Ausmaß der Zerstörung durch den Abwurf der Atombombe.
Florian Coulmas ist Direktor des deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio und gilt als einer der besten Japankenner Deutschlands. Er lebt dort seit vielen Jahren, hat sogar in Hiroshima gewohnt. Die Geschichte dieser Stadt hat ihn nicht mehr losgelassen. Nun hat er ein Buch über den Atombombenabwurf geschrieben.

Rückblick
Die Geschichte Hiroshimas beginnt spätestens mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941. Für die USA bis heute ein traumatisches Erlebnis - ein heimtückischer Überfall, ohne Vorwarnung - eine ungeheure Provokation durch eine aufstrebende, fremde Macht.

Prof. Florian Coulmas: "Neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Angriff auf Pearl Harbor für die amerikanische Regierung so überraschend nicht kam, dass evakuiert wurde sogar vorher, und dass die amerikanische Regierung auf eine Weise froh war, einen Vorwand zu kriegen, um die Kriegshandlungen dann wirklich zu beginnen."

Die USA schlagen zurück. Der Krieg im Pazifik wird zu einem erbitterten Kampf gegen Japan, das im Begriff ist, große Teile Südostasiens unter seine Herrschaft zu bringen. Währenddessen in der Wüste von New Mexico. In einer Forschungsanlage in Los Alamos arbeitet eine Gruppe von Wissenschaftlern unter der Leitung des Physikers Robert Oppenheimer fieberhaft an der Entwicklung einer neuen Waffe - der Atombombe. Im Sommer 1945 ist „Little Boy“ wie sie die Bombe nennen fertig. Amerika will der Welt seine Stärke beweisen - und sich an Japan rächen. Präsident Trumans Aufrufe zur Kapitulation werden von Japan ignoriert. Die Behauptung Washingtons, der Abwurf der Bomben habe eine Invasion Japans überflüssig gemacht und so das Leben Hunderttausender US-Soldaten gerettet, ist umstritten. Truman wusste bereits damals, dass Japan militärisch längst am Ende ist. Erst nach dem Abwurf der zweiten Atombombe über Nagasaki kapituliert Japan. Zu spät.
Die US-Besatzungsmacht verhängt eine totale Zensur über das Land. Die Ereignisse von Hiroshima und Nagasaki werden totgeschwiegen, jede Kommunikation zwischen den beiden Städten ist untersagt. Viele Verletzte können nicht behandelt werden.

Prof. Florian Coulmas: "Die medizinische Versorgung in den Tagen und Wochen nach den Bombardierungen war nach allem, was wir wissen katastrophal. Es müssen also absolut höllische Zustände geherrscht haben. Es gab ein japanisches Filmteam, das kurz nach der Bombardierung von Hiroshima dorthin geschickt wurde und dort Aufnahmen gemacht hatte. Alle Aufnahmen wurden beschlagnahmt und außer Landes gebracht, keine einzige Kopie durfte in Japan bleiben bis in die späten sechziger Jahre hinein."

Hiroshima ist ein Teil der Geschichte Japans - und der USA. Beide Länder haben dieses Ereignis auf ihre eigene Weise verarbeitet. Die Amerikaner glauben, dass sie trotz der unvergleichlichen Zerstörung, bei diesem Krieg moralisch im Recht waren. Bis heute. Für die Japaner hat sich seit Hiroshima die Welt verändert. Florian Coulmas beobachtet die japanische Gesellschaft seit Jahren, erforscht ihre Traumata und Visionen. Seiner Meinung nach sind sich die Japaner, anders als die Amerikaner, mittlerweile durchaus der Ungerechtigkeit und Grausamkeit der eigenen Kriegsvergangenheit bewusst.

Prof. Florian Coulmas: "Die große Mehrheit der Japaner sieht aber Hiroshima vielleicht eher wie ein Naturereignis, wie eine Naturkatastrophe, was über Japan gekommen ist, wo man gar nicht nach den Verursachern fragt. Das erstaunliche ist ja, dass es in Japan nicht sehr viel ausgeprägten Antiamerikanismus gibt.

Im August wird in Hiroshima wieder an den Bombenabwurf vor sechzig Jahren erinnert werden. Hintergründe und Folgen dieses schrecklichen Ereignisses lassen sich nun in dem neuen Buch von Florian Coulmas nachlesen.
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Buch
Florian Coulmas
Hiroshima - Geschichte und Nachgeschichte
C. H. Beck Verlag, München 2005
ISBN 3406527973
>> Homepage des Verlags
Hiroshima - der Name der Stadt ist zu einem Symbol der Bedrohung der Menschheit durch sich selbst geworden. Warum die Atombombe abgeworfen wurde, wem der Abwurf nützte, wer die Leidtragenden waren und was mit den Überlebenden geschah - diese Fragen traten darüber in den Hintergrund. Mit ihnen beschäftigt sich dieses Buch. Florian Coulmas schildert die Hintergründe und Mythen dieser einzigartigen menschlichen Katastrophe. Er legt das moralische Dilemma offen, das mit dem Einsatz dieser Waffe verbunden war und zeigt, wie die Zensur der amerikanischen Besatzungsmacht nach dem Krieg dazu führte, daß die Geschichte von Hiroshima bis auf den heutigen Tag sehr einseitig erinnert wird.

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Metropolis
Samstag, den 21. Mai 2005 um 00.05 Uhr
Wiederholung am Sonntag, 22. Mai um 18.05 Uhr
Redaktion: WDR
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Erstellt: 19-05-05
Letzte Änderung: 19-05-05


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