Seltsamerweise passiert es Festivals mit einer gewissen Regelmäßigkeit, dass gerade ihre Eröffnungsfilme nicht die Qualität des restlichen Programms halten können. Jüngst war dies bei dem weltweit größten Filmfestival in Cannes der Fall, der mit dem lang ersehnten und unter strenger Geheimhaltung gedrehtem DA VINCI CODE so gar nicht punkten konnte. Die Kritiker fielen wie eine Meute wilder Hunde über die Bestsellerverfilmung her. Dem Thriller aus dem Literaturmilieu IMPOSTURE erging es dabei nicht viel besser, wenn auch im Kleinen. Schauspieler Patrick Bouchitey (DAS LEBEN IST EIN LANGER RUHIGER FLUSS, 1988) übernahm nach 15 Jahren vor der Kamera erstmals wieder eine Regiearbeit. Der Roman von Jose Angel Manas diente ihm dabei als Vorlage. Wobei er sich bei seiner Adaption sehr viele Freiheiten erlaubte und aus dem Studenten mordenden Psychopathen einen wesentlich zahmeren Zeitgenossen machte. Doch die obstruse Handlung wird dadurch keineswegs nachvollziehbarer. Ein Literaturprofessor entführt eine seine Studentinnen, um sich ihren noch unveröffentlichten Roman anzueignen und diesen unter seinem eigenen Namen zu veröffentlichen. Dass sie sich anschließend in ihren Entführer verliebt – das viel zitierte Stockholm-Syndrom – nimmt dem Film niemand ab. Der spärliche Applaus wurde von vielen Fragen der nach Erklärung dürstenden Zuschauer ergänzt. Regisseur Patrick Bouchitey – der selbst auch die Rolle des Literaturprofessors übernahm - und seine Hauptdarstellerin Laetitia Chardonnet waren für die Berlinpremiere extra angereist. Überhaupt gibt es bei fast jedem Film des Programms Gäste – Regisseure oder Schauspieler – die eigens für ihren Film angereist sind, um ihn dem Publikum zu präsentieren.
Aber es gab auch einige sehr feine Werke zu entdecken, etwa WENN DIE FLUT KOMMT, den Debütfilm der Schauspielerin Yolande Moreau, die zusammen mit Kameramann Gilles Porte Regie führte. Yolande Moreau spielt Irène, die auf den Bühnen der Kulturzentren Nordfrankreichs eine One-Woman-Show abliefert. Die Ehefrau und Mutter verliebt sich nach und nach in Dries, den sie zufällig kennen lernt. WENN DIE FLUT KOMMT startet bereits am 8. Juni im Kino. Eine aktuelle Besprechung des Films findet sich bei den wöchentlichen Kino-News. Ein weiterer, erwähnenswerter Programmpunkt ist JE NE SUIS PAS LÀ POUR ÊTRE AIMÉ. Ein Gerichtsvollzieher in den 50ern verliebt sich zum ersten Mal in seinem Leben. Obwohl er bereits einen erwachsenen Sohn besitzt, hat er es nie gelernt zu lieben oder geliebt zu werden.
Der Schweizer Regisseur Samir erzählt in SNOW WHITE seine moderne Version der Schneewittchen-Saga. Die 20-jährige Nico ist ein verzogenes Gör von der Zürcher Goldküste. Eines Tages lernt sie Rapper Paco kennen, der ihrem Partyleben einen vermeintlichen Sinn gibt.
Aus Bénin stammt Idrissou Mora-Kpai, der an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg studiert hat. Er ist in die Wüstenstadt Arlit gereist, in den Norden Nigers und dokumentiert dort die Stadt, die wegen ihrer Uranvorkommen in den 80er Jahren als „zweites Paris“ gehandelt wurde.
Zusammengestellt und finanziert wird die Filmwoche von der französischen Botschaft und dem Burea du cinéma. Die Filmwoche ist eine hervorragende Institution, um die frankophile Seite der Berliner zu fördern und zu füttern. Im vergangenen Jahr wurden in Frankreich insgesamt 240 Filme produziert, nur ganze 5% davon wurden in dieser Woche präsentiert. Die Auswahl der Werke hält technisch und inhaltlich einen hohen Standard, wenngleich sie leider nicht mit wirklichen cineastischen Entdeckungen verlocken kann.
Nana A.T. Rebhan






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