So war diesmal etwa das Gesamtwerk des deutschen Filmemachers Wim Wenders zu sehen, bestehend aus 27 Filmen. Von seinem ersten deutschen Roadmovie ALICE IN DEN STÄDTEN (1973), mit dem er seinen Durchbruch als Regisseur erzielte, bis zu seinem neuesten Werk DON’T COME KNOCKING (2004) – ebenfalls einem Roadmovie, das er in seiner vorübergehenden Wahlheimat Amerika gedreht hat – war alles dabei. Ein Thema zieht sich dabei durch sein gesamtes filmisches Werk: Ob dies Rüdiger Vogler ist in IM LAUF DER ZEIT (1975) oder Bruno Ganz als Engel Damiel in DER HIMMEL ÜBER BERLIN (1987) – die Suche nach Identität ist allen seinen Protagonisten gemeinsam. Mit dem brasilianischen Regisseur Walter Salles (CENTRAL DO BRASIL, 1998) diskutierte
Wenders in der „Masterclass“ zwei Stunden lang vor begeistertem Publikum über Road Movies, ein Genre, das beide Regisseure sehr schätzen, ebenso wie Musik für sie eine wichtige Rolle in ihren Filmen darstellt, und ihnen eine große Hilfe ist. Wenders erzählt, wie er ganz am Anfang seiner filmischen Karriere einen 16mm Stummfilm drehte und erst die Platte, die er nachts vor Freunden dazu spielte, seinen Film komplettierte. Ein Moment, an den er sich heute noch immer wieder gern erinnert.
„Die Strasse ist der beste Lehrer,“ sagt Wenders und Salles stimmt ihm zu. Übereinstimmend bestätigen sie auch, wie wichtig es für sie ist, die Realität mit in ihre Spielfilme einfließen zu lassen. So geht Wenders so weit zu sagen, dass er – wäre er eine Art Filmdoktor – einigen seiner Kollegen „Dokumentarfilme verordnen würde,“ um sie „auf den Boden zu holen.“
Eine große Ausstellung von Filmstills – vom Meister selbst und seiner Frau Donata Wenders – rundet den Tribut an einen der wichtigsten deutschen Filmemacher ab. Der griechische Regisseur Theodorus Angelopoulos übergab am vergangenen Dienstag den Goldenen Alexander für dessen Lebenswerk an Wim Wenders. In den vorgehenden Jahren wurden bereits Regisseure wie Bernardo Bertolucci, Pedro Almodovar, Nanni Moretti und Mohsen Makhmalbaf geehrt. Ein weiterer wichtiger Tribut ist der an das neue Chinesische Kino. 22 Produktionen der letzten Jahre wurden präsentiert, darunter bekannte Regisseure wie etwa Zhang Yimou, aber auch viele in Europa noch unbekannte Regisseure. Der britische Filmkritiker Derek Elley stellte damit die größte bisher im Westen gezeigte Sammlung chinesischer Werke zusammen. Er hätte dabei leicht die doppelte Menge an Filmen zeigen können, so viele spannende Werke standen ihm zur Auswahl.
„Teenage Lust/Teenage Angst“, nach dem Fotoband des amerikanischen Filmemachers Larry Clark benannt, zeigt Filme, in denen aus der Perspektive jugendlicher Helden erzählt wird. Da gibt es etwa in Henner Wincklers Film LUCY Maggy, eine 18-jährige Mutter, die mit ihrer Tochter Lucy völlig überfordert ist. Filme aus Hong Kong, Frankreich, Süd Korea, Argentinien und den USA zeigen, wie unterschiedlich Heranwachsen sein kann.
Die Reihe Balkan Survey liefert in ihrem 12. Jahr einen Überblick über das aktuelle Filmschaffen in den Balkanländern. Außerdem ist das Gesamtwerk des türkischen Regisseurs Nuri Bilge Ceylan zu sehen, bestehend aus einem kurzen und vier langen Filmen. Das Gesamtwerk des tschechischen Filmemachers Jan Svankmajer, der als einer der letzten bedeutsamen Surrealisten gilt, wird erstmals als komplette Werkschau präsentiert. Der Balkan Fund ist eine weitere, erst seit einigen wenigen Jahren bestehende sinnvolle Maßnahme: Zwölf noch nicht realisierte Filmprojekte stellen sich vor einem internationalen Publikum vor und hoffen auf internationale Kooperationen; vier ausgewählte Projekte erhalten am Ende Drehbuchförderung. 2003 wurde etwa das Buch zu GRABVICA, einem Film von Jasmila Zbanic gefördert, der auf der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären gewann. Auch Nuri Bilge Ceylans CLIMATE wurde im Rahmen des Balkan Fund gefördert – und erhielt den FIPRESCI-Preis auf dem Filmfest in Cannes. Zu allen diesen Reihen und Tributen erscheint jeweils ein sehr sorgfältig recherchierter und geschriebener kleiner Katalog. In einer weiteren Hommage gibt das Festival einem Land die Möglichkeit, sein Filmschaffen zu präsentieren. Im letzten Jahr war es Mexiko, in diesem Brasilien. Von den 60er Jahren, dem Cinema Novo bis zu den aktuellen Filmen wurden zwanzig brasilianische Produktionen gezeigt. Die Reihe „Greek Films“ präsentiert sämtliche aktuelle Filmproduktionen Griechenlands – Spielfilme wie Dokumentarfilme – einem internationalen Publikum. Ein weiterer Schwerpunkt waren in diesem Jahr dabei griechische Immigrantenfilme aus den 50ern, den 60ern und den 90ern.
Das Wettbewerbsprogramm zeigt traditionell Erst- und Zweitwerke von Regisseuren und gilt auf diesem Gebiet als eines der wichtigsten Filmereignisse Europas. Der koreanische Film GAJOKEUI TANSAENG (FAMILY TIES) von Kim Tae-Yong erhielt den mit 37.000 Euro dotierten Preis Goldener Alexander. Der Film erzählt die Geschichte von Mira, einer jungen Frau, die ein kleines Restaurant betreibt. Nach fünf Jahren Abwesenheit taucht ihr Bruder plötzlich auf, zieht bei ihr ein und bringt gleich noch seine neue, um 20 Jahre ältere Frau und deren Stieftochter mit... Auch in dem anderen Gewinnerfilm, der den Silbernen Alexander (dotiert mit 22.000 Euro) gewann, geht es ebenfalls um eine Familiengeschichte, aus dem Iran. In ASHRE JOMEH (ON A FRIDAY AFTERNOON). Banafshen sucht und findet ihre ältere Schwester Sogand, die Probleme mit ihrem Sohn Omid hat. Ebenfalls im Wettbewerb lief u.a. die ARTE-Koproduktion DAY NIGHT DAY NIGHT, die in Cannes in der Quinzaine des Réalisateurs zu sehen war. Darin bereitet sich ein 19-jähriges Mädchen darauf vor, eine Selbstmordattentäterin auf dem Times Square zu werden. In sehr minimalistischer Art konzentriert sich der Film vor allem auf das Gesicht des Mädchens, das seine unausweichliche Entscheidung bereits getroffen hat. Auch KHADAK - ebenfalls eine ARTE-Koproduktion – konkurrierte um den Goldenen Alexander. Weitere Special Screenings dieser Reihe sind u.a. der lang erwartete neue Film von Darren Aronofsky THE FOUNTAIN und INLAND EMPIRE von David Lynch. Der griechische Wettbewerbsbeitrag I PSYHI STO STOMA von Yannis Economidis stellt ein Zitat aus Büchners „Woyzeck“ an den Anfang. Das verwundert kaum, wird doch Trakis, der Held des Films genauso in die Enge getrieben wie Woyzeck. Am Ende bleibt ihm nur der Mord.
Eröffnet wurde die Reihe mit THE QUEEN, dem neuen Film von Stephen Frears, einem hervorragenden Film über die englische Queen, kongenial verkörpert von der britischen Schauspielerin Helen Mirror. Für ihre Glanzleistung wurde sie auf dem Festival in Venedig mit dem Preis als Beste Darstellerin - dem Coppa Volpi – ausgezeichnet. Schon beim Lesen diesen Textes wird man wohl den Eindruck gewinnen, dass es sehr schwer ist, sich einen Überblick über all die unterschiedlichen Reihen und Tribute zu verschaffen.
Wie immer man es anlegt, man wird einen Großteil des Filmprogramms versäumen. Die Qual der Wahl lastet bisweilen schwer auf dem Zuschauer, zumal das maritime Klima zum Verweilen außerhalb der frisch renovierten Kinos in den Lagerhallen des Hafens einlädt. Und das, obwohl es schon Mitte November ist.
Nana A.T. Rebhan






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