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13/10/11

Christopher G. Moore: Der Untreue-Index

Eine Rezension von Tobias Gohlis


Der Mann aus Bangkok hat viel zu lange geschwiegen. Jetzt ist wieder ein Krimi von Christopher G. Moore auf Deutsch zu haben. Ein großer Schwung: vom Massagesalon bis zum Militärputsch.

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Geschwiegen hat er für uns im deutschen Abteil und als Kriminalschriftsteller, nicht für den Rest der Welt und nicht als Publizist. Der Kanadier Christopher G Moore, Jahrgang 1952, hat Jura in Oxford studiert, in British Columbia gelehrt und in New York auf der Straße praktiziert, bevor er über Japan nach Thailand zog, wo er seit 1988 lebt. Seinen Blick auf seine neue Heimat kann, wer Englisch versteht, seit Januar 2011 in einer wöchentlichen Kolumne im culturmag nachlesen. Hier sein erster Text, über den in Thailand produzierten Schein des Freundlichen und die praktische Vermeidung des Kontakts mit den Fremden, den farangs, neben denen keiner in der Bahn sitzen möchte.

Moore ist ein Mann der hinguckt und zuhört, das ist die erste Voraussetzung für gute Kriminalliteratur. Sein Privatdetektiv, den er in bisher 11 Kriminalromanen losschickt, ist italienischer Abstammung (möglicherweise auch literarischer), ist also selbst ein farang, ein weißer Ausländer. Er heißt Vincent Calvino, und in dem vorliegenden Roman, ursprünglich 2007 unter dem Titel „The Risk of Infedility Index“ erschienen, erfahren wir auch etwas darüber, wie Vincent und seine Familie nach Bangkok kamen – als Leute, die sich, auch als Einwanderer, nie etwas haben bieten lassen. Eine traurige Liebesgeschichte, die wiederum mit der des italienischen Malers Galileo Chini zu tun hat, der Thailand in ambiguer Leidenschaft verfallen war, spielt auch noch eine Rolle... und sein Gemälde „Der letzte Tag des chinesischen Jahres in Bangkok“.

Der Untreue-Index
Von Christopher G. Moore
Aus dem Englischen von Peter Friedrich
Juli 2011
Unionsverlag
ISBN: 978-3293004351
Vincent hatte es als Jugendlicher bewundert, eine Kopie hängt im Büro des chinesischen Gangsters, Ex-Minsters und Geschäftemachers Suvit. Suvit und sein smarter, in den USA geschliffener, dennoch durch und durch chinesischer Gangster-Neffe gehören zu den „Unantastbaren“ der thailändischen Gesellschaft, die so unantastbar sind, dass sie nur durch eine Revolution oder einen Militärputsch aus dem Feld geschlagen werden können. Der Militärputsch von 2006 wird Calvinos Rettung sein. (Der „Untreue-Index“ ist Nr. 9 der Serie – folglich muss der Leser Calvinos Überleben einkalkulieren.)
Doch bis es so weit kommt, müssen wir mit ihm eine weite, verwickelte, gefährliche Reise durch die Machstrukturen unternehmen. Sie beginnt, als Calvino die Tür seines ungeliebten Untermieters, des One-Hand-Clapping- Massagesalons eintritt und dort die Leiche einer jungen Schönen findet. Obwohl nur zufälliger Umweg aus Mitleid, entpuppt sich der Einbruch später als ein Schlüssel zu den verhängnisvollen Ereignissen, denen Calvino, halsstarrig wie sein Großvater, trotz Lebensgefahr auf die Spur zu kommen sucht. Ein Kunde hat die Recherche Calvinos über Markenpiraterie und Medikamentenfälschung nicht bezahlt. Bevor er zahlen konnte, starb er an anaphylaktischem Schock, keineswegs zufällig. Dieser Strang der Handlung führt ins Gebälk der Macht. Der titelgebende zweite ist buchstäblich eine Ersatz-Handlung. Um nicht Pleite zu gehen, spürt Calvino nämlich den Seitensprüngen der Ehemänner eines Quartetts unternehmungslustiger ausländischer Hausfrauen nach. Diese desperaten Damen haben ihre ersten Kenntnisse und Verdachtsmomente über das Leben im asiatischen Exil einem jenem Ratgeber für Exil-Hausfrauen entnommen, der Bangkok im weltweiten Untreue-Index höchsten Rang einräumt. Dass diese Frauen alles andere als hilflos sind, gibt Moores überragender Erzählung zusätzlich Würze.

Um es kurz zu machen: Lesen Sie diesen Roman, der so sophisticated konstruiert ist wie die thailändische Welt verwickelt, und Sie werden großes intellektuelles und emotionales Vergnügen haben beim Einblick ins Sterben und Überleben der Farangs in Thailand. Um die bekloppten Farangs geht es, die Thailänder überleben sowieso.

Erstellt: 13-10-11
Letzte Änderung: 13-10-11