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> Unsere Tipps vom 19.03.2003 > Rachmaninov > Interview mit Nikolaï Lugansky

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Interview mit Nikolaï Lugansky

Interview mit Nikolaï Lugansky
von Mathias Heizmann

Als ich in die Hotelhalle ging, um dort Lugansky zu treffen, dachte ich an seine letzte Aufnahme. Schließlich war es ja diese Aufnahme von Chopins Préludes, die mich davon überzeugt hatte, zu kommen. Sein Rachmaninow war noch nicht im Kasten, und es war daher absolut nicht möglich, ihn sich vorher anzuhören. Aber was machte das schon. Da er gerade Chopin gespielt und sowohl die Form als auch die Melodie gemeistert hatte, schien es unwahrscheinlich, dass er bei Rachmaninow scheitern würde. Außerdem hatte ihn diese Musik immer schon begleitet, und Rachmaninow war, wie auch Chopin, Pianist. Um so mehr Grund hat Lugansky zweifellos, sich mit ihnen zu identifizieren ...



Wenn man sich mit den Aufnahmen von Rachmaninow intensiv beschäftigt, verblüfft einen sein effektfreies und ziemlich klassisches Spiel. Wie sehen Sie selbst sein Werk?

Es stimmt, dass sein Spiel sehr geradlinig ist, vor allem im dritten Klavierkonzert. Aber es gibt bei ihm auch diese besondere Nostalgie und diese äußerst lyrische Stimmung. Dieser Aspekt berührt mich am meisten. Es ist nicht leicht, über diese Art von Musik zu sprechen. Die Beziehung, die zwischen mir und dem Werk entsteht, lässt sich eigentlich nicht in Worte fassen, da die Frage nach dem Spiel sich nicht nur auf eine Interpretation des Textes beschränkt. Natürlich spielt die Analyse der Partitur bei der Erarbeitung einer Interpretation eine wesentliche Rolle. Aber es gibt da noch andere Dinge.

Berufen Sie sich auf eine besondere Tradition?

Nein, eigentlich nicht. Ich wurde zweifellos von anderen Künstlern beeinflusst, aber ich habe immer die Erfahrung des Hörens von der des Spiels getrennt. So kann ich Rachmaninow selbst spielen hören, ohne dass sich dadurch mein Ansatz wirklich verändert. Auch auf die Gefahr hin, banal zu erscheinen, inspiriert mich die Frage des Gefühls und die Wirkung, die seine Musik auf den Körper hat, bestimmt mehr als wenn ich Interpretationen anderer Künstler höre. Ein Werk zu spielen, das ist wie eine Begegnung mit dem Komponisten. Nur das zählt.
Gleichzeitig darf man aber nicht glauben, dass diese einzigartige Beziehung eine Art von Egozentrik, eine radikale Aneignung, mit sich bringt. Die Einstellung eines Pianisten wie Gould sagt mir überhaupt nicht zu. Zugegeben, ich bewundere ihn. Er war ein beeindruckender Pianist, und seine erste Interpretation der Goldberg-Variationen ist faszinierend. Aber er verändert nie seinen Standpunkt, unabhängig davon, ob er nun Bach oder Beethoven spielt. Im Grunde genommen spielt er Gould. Das Problem besteht darin, dass es einen Autor, einen Text und einen Interpreten gibt. So gesehen unterscheidet sich Klavierspielen nicht wirklich von der Arbeit eines Schauspielers. Man muss in Scapin aufgehen, und nicht Scapin à la Lugansky spielen.


Jouvet sagte einmal, dass der Text aus dem Gefühl heraus entstehen müsse. Würden Sie dem zustimmen?

Ja. Dort läuft immer alles ab. Man lässt sich auf das Werk, seine Zwänge und seine Botschaft ein, aber dann wird es ein bisschen zum eigenen Werk. Diese Erfahrung ist schwer zu beschreiben.

Sie haben oft Chopin gespielt. Hat Ihnen das bei Rachmaninow geholfen?

Zweifellos. Beide besitzen einen Sinn für die Melodie und eine Fertigkeit am Klavier, die, vielleicht mit Ausnahme von Liszt, nur wenige Komponisten haben. Rachmaninow ist wirklich zugleich Komponist und Pianist. Seine Musik mag noch so schwer sein, sie wurde einfach für dieses Instrument geschrieben. Beethoven ist raffinierter.

Seine Musik wurde oft kritisiert und als "seicht" betrachtet.

Er wurde in Wirklichkeit von anderen Komponisten kritisiert. Künstler sind untereinander nicht gerade zimperlich. Wahrscheinlich schätzte nur Medtner ihn wirklich. Die andere Sache ist, dass sich seine Musik nur schlecht erörtern lässt. Daher tobten die Kritiker. Aber dass eine Diskussion darüber so schwer ist, liegt zweifellos daran, dass die Musik nicht hauptsächlich auf der intellektuellen Ebene wirkt.

Sie wirkt also auf den Körper?

Ja, aber nicht nur. Auch dies entzieht sich der Sprache. Aber ganz gleich, was man über seine Musik sagt, diejenigen, die sich ohne Vorurteile auf sie einlassen, werden danach zumindest verwirrt sein ...

Sie sprachen vorhin von Nostalgie. Das ist ein sehr starkes Gefühl.

Seine Konzerte sind meist in Moll, aber sie sind nicht nur nostalgisch. Es stimmt allerdings, dass diese Stimmung in seinem Werk eine wichtige Rolle spielt.

Braucht man Lebenserfahrung, um diese Musik spielen zu können? Muss man selbst schon einmal Nostalgie empfunden haben?

Nicht unbedingt. In der Musik können ganz junge Musiker phänomenale Eingebungen haben und Dinge spielen, die man sonst eigentlich für Interpreten reservieren würde, die sich mit ihrer Kunst auskennen. Es ist jedoch sicher, dass sich meine Vorstellung von Rachmaninow innerhalb einiger Jahre weiterentwickelt hat. Bei meiner ersten Aufnahme übertrieb ich es mit der nostalgischen Seite des Werks. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Teil des Werks ist untrennbar mit der Zeit verbunden, in der es entstand. Sollte man diesen Teil übergehen oder muss man eine Art Ersatz dafür suchen?

Ich glaube nicht, dass das der richtige Ansatz wäre. Eine solche Arbeit erscheint mir ziemlich unnatürlich, zumal dabei die Gefahr besteht, dass man dem Publikum unter dem Vorwand, mit seiner Zeit im Einklang zu sein, etwas Einfaches gibt. Was mich betrifft, so glaube ich, dass das Universelle in dem Werk genügt, um ihm einen Sinn zu geben. Meiner Meinung nach besteht die wirkliche Arbeit des Interpreten darin, die Musik mit Leben zu erfüllen. Denn das ist schließlich gar nicht so einfach. Auch da wird man beim besten Willen nicht genau sagen können, was aus einem Musikabend einen unvergesslichen Augenblick des Lebens oder eine einfache Abfolge von Noten macht. Trotzdem passiert es manchmal, dass das Werk zum Leben erwacht und man mit ihm atmet. Wenn man den Saal verlässt, weiß man das ganz genau.

In den Konzerten gibt es etwas, das einem Ritual ähnelt. Sind Sie dafür empfänglich und hat Ihnen das im Studio gefehlt?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Die beiden Erfahrungen sind so unterschiedlich, dass man sie nicht miteinander vergleichen kann. Im Studio muss man eine gewisse Perfektion anstreben bzw. zumindest eine Interpretation anbieten, die man immer wieder hören kann. Im Konzert ist das Ritual nicht das Wichtigste. Was zählt, ist, dass es hier und jetzt passiert. Und es ist natürlich lebendiger ...

Erstellt: 10-06-04
Letzte Änderung: 18-03-03


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