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21/02/12

Mia Hansen-love - Blow up: Begegnung



Spätestens seit Tout est pardonnéund Der Vater meiner Kinderzählt Mia Hansen-Løve zu den führenden Nachwuchsregisseurinnen Frankreichs. Zum Kinostart ihres neuen Films Un amour de jeunesse haben wir Sie darum gebeten, unseren Blow-Up-Fragebogen zu beantworten.


Also, liebe Mia Hansen-Løve, Sie dürfen wählen...


1. ... eine Eröffnungsszene

Den langen Kuss am Anfang von Kids(Larry Clark). Als der Film rauskam, war ich so alt wie die Protagonisten. Ich sah zum ersten Mal einen echten Kuss zwischen Jugendlichen im Kino.





2. ... eine schauspielerische Leistung

Ich begeistere mich für Schauspieler, weniger für die so genannte schauspielerische Leistung im Allgemeinen. Mit einer Ausnahme: Jesse Eisenberg in The Social Network. Abgesehen davon erinnere ich mich an einen Film, in dem es um Jean Renoir und die Arbeit mit den Schauspielern geht. In einer Szene gibt Renoir der Schauspielerin (ich weiß leider nicht mehr, wie sie hieß) eine Regieanweisung, die darin besteht, akribisch die Interpretation sämtlicher Intentionen zu studieren, indem sie den Text so vorträgt, als ob sie aus dem Telefonbuch vorlesen würde (eine Methode, die man auch von Robert Bresson kennt). Es gelingt ihr schließlich und sie findet mit einem Mal den Zugang zur Wahrheit. Den Weg dahin zu verfolgen ist ausgesprochen fesselnd.



3. ... eine Stimme

Die von Jean-Pierre Léaud – die Präsenz in Person.



4. ... eine Filmmusik

Die Notenfolge, die von Michelle Williams in Wendy und Lucy gesungen wird. Sie drückt gleichzeitig Nähe und Distanz aus, kommt tief von innen und steht dabei für Einsamkeit.



5. ... eine Tanzeinlage

Wenn der Hauptdarsteller (Lars Eidinger) aus Alle anderen von Maren Ade unter den irritierten Blicken seiner Freundin plötzlich zu einem Kitschschlager vor ihr hin- und herrobbt.


Everyone Else - Bande annonce Vost FR par _Caprice_



6. ... ein Wortwechsel aus einem Film

In Sweet Dreams von Nanni Moretti fragt nach einer Filmvorführung ein aufgebrachter Zuschauer den Regisseur (gespielt von Moretti): „Entschuldigen Sie, dass ich hier nachhake, doch ist dieser Film in irgendeiner Form von Belang für die Arbeiter, für den Bauern aus Lukanien, für den Schäfer aus den Abruzzen, für die Hausfrau aus Treviso? Sie scheren sich einen Dreck um dieses intellektuelle, gottverlassene, hirnwichserische Thema.“
Man möchte sich fast dafür bedanken...



7. ... ein Filmplakat

Das von Lancelot du lac von Robert Bresson. Ein stürzendes Pferd, die Rüstung eines sterbenden Soldaten, der mit dem Kopf nach unten hängt und eine Blutlache vor blauem Grund. Eine Mischung aus Gewalt und Unschuld, aus Naivität und moderner Grafik. Es war der erste Film von Bresson, den ich gesehen habe. Das Plakat entdeckte ich dann wieder im Büro von Humbert Balsan.





8. ... ein erstes erotisches Kribbeln

Die berühmte Szene zwischen Juliette Lewis und Robert de Niro in Kap der Angst.





9. ... einen Schreckensmoment

Jeder Horrorfilm versetzt mich ich Schrecken, egal ob gut oder schlecht.



10. ... ein Träne

Als Marie Rivière endlich Das grüne Leuchten sieht (Eric Rohmer).






11. ... ein Detail aus einem Film

Dass Terrence Malick in Tree of Life das Gesicht von Jessica Chastain durchgängig in ¾ Hinteransicht zeigt. Die Faszination, die eine Schauspielerin, ein Gesicht bei einem bestimmten Regisseur in einer bestimmten Einstellung und bei einem bestimmten Licht ausstrahlen können. Ob das etwas mit Erinnerung zu tun hat?



12. ... eine Kamerafahrt

Da kann ich spontan gar keine nennen, denn ich schätze sie vor allem, wenn sie mir nicht auffallen!



13. ... eine Großaufnahme

Edie Sedgwick in Andy Warhols Screen Test 3. Ihr Gesicht steht letztlich für eine der Grundsatzfragen des Kinos: die Kameratauglichkeit.





14. ... ein tödlich langweiliger Filmklassiker

Ein moderner Filmklassiker, den ich nicht ausstehen kann, ist Hiroshima mon amour. Mich stört diese schwülstige und gezierte Stimme aus dem Off.



15. ... eine gute Szene aus einem Film, den Sie nicht mögen

Die Barszene mit den Karten in Inglorious Basterds. Ausgesprochen brillant, auch wenn ich den übrigen Film ziemlich rückwärtsgewandt fand. Dabei mochte ich bislang alle Filme von Tarantino. Auf seine Sicht auf die Geschichte hätte ich aber gerne verzichtet (zumindest auf das, was ich davon mitgekriegt habe).





16. ... eine schlechte Szene aus einem Film, den Sie mögen

Da gibt es eine in Der Bengel auf dem Fahrrad, als der junge Dealer mit dem Kind nach Hause kommt. Seine bettlägerige Mutter oder Großmutter, ich weiß es nicht mehr genau, liegt auf dem Boden. Er hilft ihr hoch und bringt sie wieder ins Bett. Ich mag diese Szene nicht, da ihre Absichten zu augenfällig sind: Sie soll zeigen, dass die Dinge nicht immer so einfach liegen, dass auch der Täter leidet und in erster Linie Opfer ist. Das ist sicher nicht falsch, doch ich will nicht erkennen können, wie mir dies vor Augen wird. Ich liebe diesen Film trotzdem. Wenn ich daran denke, erscheint vor mir das Bild eines Pfeils. Das Ende ist unvergesslich: Nach dem Sturz erhebt sich das Kind wieder, weist die angebotene Hilfe mit einem „Nein“ zurück, steigt auf sein Fahrrad und fährt davon.



17. ... eine Schlussszene

Am Ende von Van Gogh verlässt Alexandra London in Witwentracht das Haus und begegnet auf ihrem Weg einen Maler bei der Arbeit. Sie geraten ins Gespräch. Er fragt sie: „Kannten Sie Van Gogh?“ Sie antwortet: „Ja“. Dann hebt sie ihren Schleier. „Er war mein Freund“. Die Einfachheit in ihrer ganzen Brutalität ist das, was mich am Kino am meisten berührt.



Mia Hansen-Løve





















Erstellt: 17-11-10
Letzte Änderung: 21-02-12