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Berlinale 2006 - Panorama - 16/09/08

4:30

Ein Film von Royston Tan


Stille Reflexion über die
Facetten menschlicher Einsamkeit

(Singapur 2006, 93 Minuten)
Mit Xiao Li Yuan, Kim Young Jun u.a.

Synopsis: Der chinesische Junge Xiao Wu teilt seine Wohnung in Singapur mit einem 30jährigen Koreaner. Keiner von ihnen spricht die Sprache des anderen, und so leben sie nach außen hin beharrlich aneinander vorbei. Dabei sehnt sich Xiao Wu nach nichts mehr als menschlicher Nähe, während der Mieter in einer inneren Isolation verharrt, in die ihn eine verlorene Liebe getrieben hat und die nun unüberwindbar scheint. Xiao Wu studiert den Fremden und seine Gewohnheiten zunächst in heimlichen Momenten und wagt schließlich eine zaghafte Annäherung, bei der die beiden ihrer Einsamkeit zwar nicht entrinnen, sie aber für einen kleinen Augenblick mit dem anderen teilen können.

Royston Tan, über seinen Film 4:30
Der Trailer zum Film

Kritik: Jeden Morgen klingelt Xiao Wus Wecker genau um halb fünf. Für den Regisseur Royston Tan hat diese Uhrzeit einen metaphorischen Wert, denn nach seiner Vermutung ist dies der einsamste Moment des Tages. Und so schleicht sich sein junger Protagonist Nacht für Nacht hinüber ins Zimmer des wortlosen Mitbewohners, um hier detektivgleich nach Indizien zu suchen, die Aufschluss geben könnten über den Fremden, der abends erst spät nach Hause kommt, nach Bier riechend und ständig rauchend, und den Xiao Wu eines Tages bei einem missglückten Selbstmordversuch überrascht.

Diese „Ermittlungen“ sind das einzige, das die öden und nicht enden wollenden einsamen Stunden des Jungen durchbrechen. Royston Tan lässt den Zuschauer teilhaben an dieser quälenden Leere, indem er die visuelle Struktur des Films auf lange, starre Einstellungen reduziert. Er folgt damit auch stilistisch der Entscheidung, seine kleine, unendlich leise Geschichte aus Xiao Wus Perspektive zu erzählen. Denn das Zeitempfinden eines Kindes ist ein anderes als das eines Erwachsenen. Ob das Gerücht stimmt, dass einem Menschen seine ersten achtzehn Lebensjahre ebensolang vorkommen wie später die sechzig folgenden, sei dahingestellt. Sicher ist aber, dass die Zeit in der Wahrnehmung eines Kindes langsamer vergeht. Und so tut Xiao Wu das wenige, das er tut, gründlich, um möglichst viel Zeit vertreiben zu können – sei es ein Bad, die Beobachtung eines Insekts oder auch die Eintragung seiner Erkenntnisse über den Koreaner in ein Büchlein, das er immer mit sich trägt. In kleinen Rebellionsausbrüchen versucht er, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten, aber die Erwachsenen, die diese Außenwelt bevölkern, gehen auf sein hilfloses Verlangen nach Aufmerksamkeit nicht ein. Während er sich also ständig aus der Isolation zu befreien sucht, flieht der liebeskranke Mitbewohner nach eigenem Willen in die Einsamkeit und kann sie doch nicht ertragen. In nur einem einzigen, ebenso flüchtigen wie intensiven Moment kommen die beiden sich wirklich nahe, verbunden durch den Schmerz, der ihrem Alleinsein entspringt.

Mit „4:30“ ist Royston Tan am dem Actionspektakel genau entgegengesetzten Pol dessen, was Kino sein kann, angekommen und fordert das Publikum dazu heraus, sich in aller Konsequenz auf die Kraft der Bilder einzulassen. Denn sein Film verzichtet fast gänzlich auf Dialoge, und wo doch einmal gesprochen wird, versteht man einander nicht. Die klarste Sprache setzt der junge Darsteller Xiao Li Yuan ein, der all das, was sich in seiner Figur abspielt, allein mit seinem für ein Kind seltsam allgegenwärtigen melancholischen Blick an die Oberfläche trägt. So gelingt Tan mit seiner eindringlichen Reflexion über die Facetten menschlicher Einsamkeit und die Sehnsucht nach Nähe eine Absurdität: Obwohl der gesamte Film nichts weiter zeigt als die gähnende Langeweile, die Xiao Wu allein nicht ausfüllen kann, fühlt man sich als Zuschauer doch in keiner der 93 Minuten um die eigene Zeit betrogen.

Jutta Klocke

Erstellt: 19-02-06
Letzte Änderung: 16-09-08