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GESELLSCHAFT - 23/06/11

RUND; NA UND?

Dicke gelten als faul, genusssüchtig und unattraktiv. Gegen diese Vorurteile kämpft in den USA eine Bewegung – das Fat Acceptance Movement. Und auch in Deutschland setzen Übergewichtige Akzente gegen den Schlankheitswahn. Ein Bericht.

20 dicke Frauen stehen an einem Freitagvormittag im Mai auf dem Laufsteg. Im großen Saal eines Nürnberger Messehotels lassen sie die Hüften kreisen, bewegen die Köpfe im Takt der Musik, betonen mit den Armen die Konturen ihrer fülligen Oberkörper. Taille zeigen können die wenigsten, trotzdem hat das Ganze Eleganz. Es ist die Generalprobe für Deutschlands XXL-Miss-Wahl. Vorne
auf der Bühne tanzt Stephanie Bennett, 31 Jahre alt und die Titelträgerin 2010. Sie steht den Bewerberinnen seit Tagen zur Seite.
Wie Bennett ist auch Gisela Enders eine selbstbewusste Dicke. Sie ist zwar nicht der Typ, der sich auf den Laufsteg begeben würde. Aber die Vorsitzende der Selbsthilfeorganisation Dicke e.V. wird als Jurymitglied in wenigen Stunden eine neue XXL Miss küren. „Solche Shows sind wichtig“, sagt sie, „damit die Leute merken, dass es auch jenseits von Kleidergröße 40 ausdrucksstarke Frauen gibt.“


ARTE THEMENABEND
RUND UND SCHÖN
So • 24.7.

Zu schön für Dich
Drama • 20.15

Big Beauties
Gesellschaftsdoku • 21.45

Schwerelos.
Danza Voluminosa, Kuba
Gesellschaftsdoku • 22.45

Dick und stolz. Es war ein mühsamer Weg, bis Gisela Enders sich selbst mochte. Sie magerte mehrmals ab, nahm wieder zu, am Ende wog sie mehr als vor dem ersten Fasten – Jojo-Effekt heißen diese bei Diäten typischen Schwankungen. Irgendwann hatte sie es satt, wollte lernen, sich so zu akzeptieren, wie sie ist. Und sie hob in Deutschland Dicke e.V. aus der Taufe, inspiriert vom Fat Acceptance Movement, einer Bewegung, die in den USA für die Interessen Übergewichtiger kämpft. Diäten und chirurgische Eingriffe wie Fettabsaugen oder Magenverkleinerung lehnt das Fat Acceptance Movement strikt ab. Und es prangert an, dass Dicke oft schlechter bezahlt und mit Zuschlägen bei der Krankenversicherung belastet werden. Dass die gesundheitlichen Gefahren von Übergewicht hochgespielt werden, davon sind renommierte Mediziner wie der Heidelberger Arzt Dr. Gunter Frank überzeugt. „Dick und fit“, das Motto des Fat Acceptance Movement, lebt Stephanie von Liebenstein. Sie ist die Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung, die Dicke in Rechtsfragen gratis berät, und neben Gisela Enders die zweite Frontfrau der Dickenbewegung in Deutschland.

Stephanie von Liebenstein ernährt sich vegetarisch, isst fünf Portionen Obst und Gemüse täglich, meidet Nikotin und Alkohol und macht dreimal pro Woche eine Stunde Ausdauersport. Sie fühlt sich kerngesund, obwohl sie einen Body-Mass-Index (BMI) von 40 hat. Übergewichtig gilt eine Frau ab einem BMI von 24, adipös, also krankhaft fettleibig, ab einem BMI von 30, massiv adipös ab einem BMI von 40. Mehr als 50 Prozent aller EU-Bürger sind übergewichtig, wie die Europäische Kommission 2010 mitteilte. In den USA gilt das für 60 Prozent der Bevölkerung, wobei davon 30 Prozent adipös sind. Deutschland zählt nur circa 14 Prozent krankhaft Fettleibige. Die meisten Adipösen in der EU hat Großbritannien mit circa 25 Prozent. Dort wie in den USA ist es ihnen verboten, Kinder zu adoptieren.

XXL in Bewegung. Übergewichtige gelten oft als faul, undiszipliniert, willensschwach, genusssüchtig, wie Wissenschaftler der Philipps-Universität Marburg 2008 herausfanden. Dieser Meinung sind rund ein Viertel aller Deutschen. In den USA befragte die Arizona State University im Jahr 2011 hundert normalgewichtige Frauen. 25 Prozent zögen es vor, schwer depressiv statt dick zu sein, 15 Prozent wären lieber blind statt dick. Doch nirgendwo wird erfolgreicher für Toleranz gekämpft als in den USA. Schon im Juni 1967 versammelten sich rund 500 Übergewichtige im New Yorker Central Park. Beim „Fat In“ verbrannten sie Diätbücher und Bilder des Magermodels Twiggy. Dick mit Butter bestrichene Brote wurden verteilt, Schilder geschwenkt. „Fat Power“ stand darauf und „Buddha was fat“. Zwei Jahre später entstand die NAAFA, die „National Association to Advance Fat Acceptance“. Mit 11.000 Mitgliedern ist sie die bedeutendste US-Dicken-Organisation. Die frühere Vorsitzende, Marilyn Wann, schrieb mit dem Buch „Fat! So?“ die Bibel der Bewegung. 1999 in San Francisco führte ihr Protest gegen dickenfeindliche Werbeplakate eines Fitnessclubs dazu, dass die Stadt Diskriminierung Übergewichtiger untersagte; neben Regelungen im Bundesstaat Michigan, den Städten Santa Cruz und Washington D.C. ihr bis dato wichtigster Erfolg.

Von der politischen Schlagkraft der NAAFA sind die deutschen Ableger noch weit entfernt. Zusammen haben sie gerade 50 Mitglieder. Gisela Enders sagt, das liege auch daran, dass hierzulande weniger auf Dicken herumgetrampelt werde als in den USA. Die Reise zur Misswahl in Nürnberg trat sie am internationalen Anti-Diät-Tag an: am 6. Mai. 2012 möchte sie an diesem Datum in Berlin ein neues Projekt präsentieren: 20 „dicke Diven“. Der Förderantrag bei der EU ist gestellt.
ROBERT ZSOLNAY FÜR DAS MAGAZIN


Erstellt: 23-05-11
Letzte Änderung: 23-06-11