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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

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Ein Magazin von Claire Doutriaux

Jeden Sonntag um 20 Uhr

Ein Magazin von Claire Doutriaux

Sendung vom 31. Oktober 2010 - 31/10/10

der Alltag: Eier abschrecken

Heute entführt uns Corinne Delvaux in eine deutsche Küche. Wozu? Na, um Eier zu kochen. Was denn sonst? Los geht’s!

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Dieser deutsche Herr kocht Eier. Sie wissen ja, das ist eine unserer Lieblingsbeschäftigungen, hier bei Karambolage. Und weil er Karambolaner ist, macht er vorher in das dicke Ende ein Loch, mit unserem Kultobjekt, dem Eierpieker.

Er taucht das Ei vorsichtig in den Kochtopf, so … wartet zehn Minuten… So, das Ei ist fertig. Jetzt muss es aus dem Topf heraus.

Und weil der Herr Deutscher ist, hält er es sofort unter fließendes kaltes Wasser.

Es gibt sogar ein Verb für diese deutsche Eigenart. "Abschrecken". Ein wunderbares Wort. Abschrecken. Ich schrecke das Ei ab, auf Französisch unübersetzbar.

Die Deutschen jagen ihrem Ei also einen Schrecken ein. Sie verängstigen es, sie schockieren es mit einem erbarmungslosen Strahl kalten Wassers. Soweit so gut. Aber, warum machen die Deutschen das eigentlich?

- Also, ich schrecke Eier ab, weil sich dann die Schale vom Eiweiß besser löst und ich es besser essen kann.
- Ich habe gehört, dass sich dann das Ei besser pellen lässt, wenn es kalt ist.
- Weil ich sie dann besser abschälen kann.
- Damit ich die Schale besser abpellen kann.
- Weil ich sie dann besser abpulen kann.
- Weil die dann einfacher zu schälen sind.
- Damit die Schale besser abgeht.
- Also, meine Mutter schreckt die Eier immer ab, damit man die Schale danach besser abmachen kann.

Sie haben es gehört, die Deutschen halten ihre Eier unter kaltes Wasser, weil sie der Meinung sind, dass ein Ei, das abgeschreckt wurde, viel einfacher zu pellen ist, als ein Ei, das nicht vorher abgeschreckt wurde. Nun gut, sehen wir uns das einmal an.

Unser Freund wird nun zuerst abgeschreckte Eier schälen und danach Eier, die nicht abgeschreckt wurden. Wie bei allen Experimenten in Karambolage handelt es sich hierbei um einen hochwissenschaftlichen Versuch. Gut. Unser Freund beginnt mit den Eiern, die nicht abgeschreckt wurden und von denen die Deutschen, wie wir eben gehört haben, behaupten, sie ließen sich weniger gut pellen. Aber was ist das denn, dieses hier lässt sich hervorragend pellen. Seltsam.

Noch eins … ah, dieses hier ist widerspenstig… ohje… unser Freund plagt sich ab und das Ergebnis ist eher mittelmäßig… Schauen wir jetzt einmal, wie es sich mit den abgeschreckten Eiern verhält. Diese Eier hier müssten sich also mühelos pellen lassen… und?

Ohje, nun, das Experiment scheint nicht besonders glücklich zu verlaufen… tja, das hier ist hin! Ein zweites? Wollen wir mal sehen… Ah, dieses scheint besser gelaunt zu sein. Ja, es lässt sich anstandslos von unserem Freund pellen! Wunderbar!

Ergebnis : Unentschieden, am Ende läuft es auf’s selbe hinaus, ob das Ei abgeschreckt ist oder nicht.

Toll, das bringt uns nicht weiter. Führen wir ein zweites Experiment durch: Unser Freund, der vor nichts zurückschreckt, begibt sich hierzu höchstpersönlich in einen Hühnerstall. Dort holt er sich ein frisches Ei, sehen Sie, die Henne hat es soeben gelegt. Dieses Ei hingegen ist viel älter, es wurde vor drei Wochen gelegt.


Unser Freund hat beide zehn Minuten lang gekocht. Rechts das frische Ei, links das drei Wochen alte Ei. Unser Freund wird sie nun schälen, passen Sie auf:
Na?… Oh, das sieht aber gar nicht gut aus… Oho, das frische Ei ist noch jung und stark; es will nicht klein beigeben, na sowas…

So, wenden wir uns nun dem alten Ei zu… und? Sehen Sie? Es ist viel fügsamer! Ein Kinderspiel! Das geht wie von selbst! Es ist nämlich so: es hängt alles vom pH-Wert des Eiweißes ab, also davon, wie frisch das Ei ist. Hier ein Apparat, der den pH-Wert, also den Säuregrad des Eis misst. Unser Freund taucht mit wissenschaftlicher Präzision das Thermometer und die Elektrode des Messgeräts in das frische Ei. Und? Der pH Wert liegt bei 7, das heißt, das Ei hat einen neutralen pH-Wert. Die dünne Haut, die sich unter der Schale befindet, klebt am Ei. Ergebnis: man kann es kaum schälen. Je älter das Ei, desto höher ist sein pH-Wert, sehen Sie, hier liegt er bei 9, mit anderen Worten, das Ei ist basisch geworden und lässt sich mühelos schälen.

So, Sie haben es gehört, es nützt absolut nichts, seine Eier mit kaltem Wasser abzuschrecken! Aber, liebe deutsche Freunde, lassen Sie sich bitte nicht von solchen wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten beeindrucken. Bitte schrecken Sie ihre Eier weiter ab, und sei es auch nur aus Liebe zu diesem wunderbaren, kuriosen Wort "abschrecken".


Text: Corinne Delvaux
Bild: Corinne Delvaux & Claude Delafosse
Mit: Jacques Falgous



der Alltag: Eier abschrecken finden Sie auf der DVD 9

Erstellt: 29-10-10
Letzte Änderung: 16-05-12


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