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> MÄRZ 2010 > SAMURAI

18/02/10

IM REICH DER SAMURAI

Die Samurai waren ihrem Anführer treu bis in den Tod und beherrschten Japan 700 Jahre lang. Der Mythos von Japans Rittern lebt noch heute fort – in Werbung und Mode, Filmen und Comics.

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Der 13. April 1612 ist in die Geschichte Japans eingegangen. An diesem Tag tötete der Samurai Musashi Miyamoto seinen Rivalen Kojiro Sasaki mit einem Holzknüppel. Beide galten als die besten Schwertkämpfer des Landes. Sasaki war Meister des Nodachi, eines 90 Zentimeter langen Schwerts, wie es Uma Thurman in Quentin Tarantinos Film „Kill Bill“ schwingt. Musashi dagegen war unschlagbar mit der Katana, jener 70 Zentimeter langen Klinge, die alle Samurais an ihrer Seite tragen – oft zusammen mit der viel kürzeren Version Wakizashi. Bei Duellen ging es damals um Leben und Tod – es sei denn, man hatte sich zuvor auf eine unblutige Spielregel geeinigt. Warum Musashi diesmal zum Duell mit einer Holzwaffe antrat, darüber streiten sich Historiker noch heute. Wahrscheinlich wollte er seinen Gegner aus der Fassung bringen. Er war vom Meer her aufgekreuzt, ohne Metallwaffe, drei Stunden zu spät – taktische Züge, die er später in seiner Kampfanleitung „Buch der fünf Ringe“ beschrieben hat. Gedacht als Wegweiser für Samurais, war die Schrift nach 1945 von den amerikanischen Besatzern kurzfristig verboten worden, gilt aber heute als Pflichtlektüre für japanische Manager. Sasaki fühlte sich wegen des Holzschwerts tatsächlich in seiner Ehre gekränkt und holte deshalb vorschnell zum Schwalbenschwenkschlag aus, bei dem der Gegner von oben zweigeteilt wird. Dabei erwischte er nur Musashis eingeölten Haarschopf am Hinterkopf. Sofort folgte der Gegenschlag: Musashi bohrte den stumpfen Schwertersatz in Sasakis Lunge und flüchtete.

ARTE SCHWERPUNKT
JAPAN –
IM REICH DER SAMURAI
Wildes Japan • 2-tlg. Naturdoku
MO • 8.3. • 16.55
DI • 9.3. • 16.55

Shogun • 11-tlg. Fernsehserie
ab MO • 8.3. • 19.30

Die sieben Samurai
Samuraifilm
MO • 8.3. • 20.15

Der Samurai, den ich liebte
Samuraifilm
MI • 10.3. • 21.50

Lone Wolf & Cub –
Das Schwert der Rache
6-tlg. Samurai-Trashfilm
jeweils FR • ab 12.3. • ab 00.20

Japanland • 4-tlg. Dokureihe
ab MO • 15.3. • 16.45

Ich war ein Kamikaze
Dokumentarfilm
MI • 17.3. • 20.15

Samurai in der Dämmerung
Samuraifilm
MI • 17.3. • 21.45

Tabu • Samuraifilm
DO • 18.3. • 20.15

Sterben im Reich der Lust
Kulturdoku
DO • 18.3. • 21.55

Kleider & Leute: Japan
Dokureihe
SA • 20.3. • 00.15

Ichi • Samuraifilm
MI • 24.3. • 21.45

Der Mythos Samurai
400 Jahre später lebt in Japan die Welt der Samurai unangeschlagen weiter – in Werbung und Mode, in Filmen und Comics. In einem aktuellen Werbespot parodiert der Pharmakonzern Contac das legendäre Samurai-Duell: Sasaki hat sich verkühlt. Die Sonne blendet ihn. Er muss nießen und gerade da schlägt Musashi zu. Eingeblendet dann ein Grippe-Medikament. Dagegen hat sich das Modelabel Comme des Garçons für seine diesjährge Frühjahrskollektion von alten Samurai-Rüstungen inspirieren lassen: Schulterklappen, Hüftgurte und Brustkapseln aus Leder. Und um seine Kämpfernatur in der Marketing-Welt zu unterstreichen, nennt Japans erfolgreichster Art Director Kashiwa Sato seine Firma „Samurai“. Zu seinen Kunden zählen Weltmarken wie Microsoft und Apple. „Sato Kashiwa Design klingt zu langweilig,“ sagt der 45-jährige Tokioter. „Ich dachte deshalb an Samurai, denn das japanische Wort dafür enthält das gleiche Schriftzeichen wie mein Vorname Kashiwa – ein Kreuz, das auf einer Linie steht. So kann ich meine japanische Identität wahren und trete gleichzeitig mit einem international verständlichen Namen auf.“
Die ursprüngliche Bedeutung von Samurai war: „Jene, die im Umfeld des Adels dienen“ – als Verwalter und Kammerdiener im Kyoto des 10. Jahrhunderts. Langsam avancierten sie zu Leibwächtern, übernahmen zunehmend den Lebensstil des Adels und wurden schließlich Krieger. Das Wort Samurai war von da an gleichbedeutend mit Bushi, den anderen Kriegern des Landes. Sie dienten bis zu ihrem Tod und waren die Garanten für Militärdiktaturen und Feudalherrschaften bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Danach machte sich Japan auf den Weg, mit Reformen den Westen einzuholen. Die Samurai hatten ihre Daseinsberechtigung verloren, sie wurden „herrenlos“, weshalb man sie Ronin nannte.

Garanten der Feudalherrschaft
Der Film „Samurai in der Dämmerung“ (in der ARTE-Filmreihe) erzählt von eben so einem abgesattelten, verarmten Krieger: Seibei arbeitet als Angestellter in einem Kaufhaus in einem für das 19. Jahrhundert typischen Büro. Dicht gedrängt sitzen die Ronin an kleinen Tischen, schweigsam mit gesenktem Kopf. Ihnen gegenüber der Chef – wie der Lehrer einer Schulklasse. Erst nach der Arbeit leben sie auf und gehen täglich gemeinsam trinken. Wer nicht mitmacht – so wie Seibei – gilt als Sonderling. Die Angestellten von heute haben zwar keine Schwerter mehr umgeschnallt und werfen sich zur Begrüßung vor hochrangigen Besuchern nicht mehr auf den Boden, aber ansonsten hat sich in Japan wenig geändert. In den modernen Großraumbüros sitzen immer noch vor allem Männer – eng zusammen und schweigsam an kleinen Tischen. Ihre Samurai-Montur ist der dunkle Anzug des mittleren Angestellten. Im eigenen Büro zu arbeiten, würden sie als Bestrafung empfinden – es wäre für sie der Ausschluss aus der Gruppe. Und so beginnt die Rush Hour in Tokio erst um Mitternacht, weil alle Gruppen nach der Arbeit zunächst in die Kneipen gehen.

Loyalität, Klan-Zugehörigkeit, Hierarchie, Selbstdisziplin und Sinn für die schönen Künste, das waren die Richtlinien im Leben der Samurai – ein Kodex, der sie funktionieren ließ im Sinne der Feudalherren, und gegen psychische Belastungen immunisierte. Immer wieder erzählen japanische Filme von jenen schwarzen Schafen, die sich nicht mehr an den Kodex halten, sondern nur noch Blut suchen, Dörfer tyrannisieren, ihre Schwerter an vorbeigehenden Reisbauern ausprobieren. „Wir haben so viele Jahrhunderte unter einem militaristischen Feudalismus gelebt, ich glaube nicht, dass Japan in naher Zukunft seine hierarchische Struktur ablegen wird“ so Schauspieler und Regisseur Takeshi Kitano, der im Film „Tabu“ (bei ARTE am 18.3.) einen Shinsengumi-Kommandanten Mitte des 19. Jahrhunderts spielt. Diese Samurai-Truppe kämpfte gegen Reformen und die Öffnung zum Westen. Als zu Beginn des Films der Kommandant einen Mitstreiter köpfen lässt, nur weil er sich gegen alle Regeln Geld ausgeborgt hat, wird klar, dass die moralischen Ansprüche der Samurai nicht der Realität der anbrechenden Neuzeit entsprechen.

Nicht nur Bewunderung
In „Tabu“ entlarvt sich die Kriegerkaste als das, was sie immer war: rechthaberisch, selbstverherrlichend, gewalttätig – was jedoch nichts mit dem Samurai-Mythos zu tun hat, wie er heute noch weiterlebt. Bewundert werden die strikten Regeln und Strukturen sowie die Furchtlosigkeit vor dem Tod – doch nicht der Zweck: Die Unterdrückung eines Landes mit dem Schwert. Heute trainieren Japaner noch immer in Schwertkampfschulen die wichtigsten Etappen des Kampfes. Zerhackt werden dabei natürlich nur zusammengerollte, blutlose, Tatami-Matten.

Ein Objekt für Sammler
Auch die Schwerter werden noch nach alter Tradition in japanischen Werkstätten produziert – die besten und teuersten der Welt. „Pro Jahr schaffe ich höchstens zehn. Jedes einzelne kostet um die 30.000 Euro,“ erzählt Yoshindo Yoshihara. Der 67-Jährige ist Japans bekanntester Schmied. Gelernt hat er das Handwerk von seinem Großvater, das Wissen hat er bereits an seinen Sohn Yoshikazu weitergegeben. Die verrußte Werkstatt der Schwertschmiede im Norden Tokios zieht Besucher aus aller Welt an. So berühmt ist die Yoshihara-Familie, dass Hollywood-Produzenten die Rolle des Schwertschmieds im Film „Der letzte Samurai“ (mit Tom Cruise) mit einem Yoshihara-Verwandten besetzt haben wollten. „Manche Leute sagen: Je älter ein Schwert, desto besser! Etwa aus der Kamakura-Periode des 13. Jahrhunderts. Aber da bin ich anderer Meinung. Schwerter kommen heute als Waffen im öffentlichen Leben nicht mehr zum Einsatz. Deshalb müssen sie besser sein als je zuvor – eleganter, härter, schärfer und kunstvoller. Kein Sammler würde sich sonst mehr dafür interessieren und das wäre dann der endgültige Untergang sowohl unseres Handwerks als auch der Samurai!

ROLAND HAGENBERG FÜR DAS ARTE MAGAZIN
GASTAUTOR ROLAND HAGENBERG IST AUTOR, FILMEMACHER UND FOTOGRAF UND SEIT JAHREN IN TOKIOS KUNSTSZENE ETABLIERT

DIE ARTE-FILMREIHE „SAMURAI" IM ÜBERBLICK


Eine einzigartige Kollektion von fünf Spielfilmen aus verschiedenen Jahrzehnten erzählt vom Leben der furchtlosen Krieger – den Samurai.

Die sieben Samurai (1954) Akira Kurosawa: Der große Klassiker des Samurai-Genres zum 100. Geburtstag des berühmten Regisseurs Akira Kurosawa, der selbst aus einer Samurai-Familie stammte. Mit seinem Film, der im 16. Jahrhundert spielt, wollte er Mythen aufdecken und falsche Darstellungen der Samuraikaste entlarven. Seine Samurai sind ehrenhaft und gleichzeitig zweifelnde Antihelden. > MO • 8.3. • 20.15

Der Samurai, den ich liebte (2005) Mitsuo Kurotsuchi: 19. Jahrhundert: Fernab von Samurai-Klischees und in puristisch schönen Bildern, erzählt Kurotsuchi in seinem preisgekrönten Film eine universelle und menschlich berührende Geschichte einer zarten Liebe. > MI • 10.3. • 21.50

Lone Wolf & Cub: Das Schwert der Rache (1972) Kenji Misumi: Sechs trashige Verfilmungen des gleichnamigen berühmten Mangas, angesiedelt im 17. Jahrhundert. > freitags • ab 12.3. • ab 00.20

Samurai in der Dämmerung (2002) Yoji Yamada: Während der Meiji-Restauration um 1868 modernisiert sich Japan zunehmend. Die Samuraikaste verarmt und hat keinen festen Platz mehr in der Gesellschaft. So auch der Witwer Seibei, ein alleinerziehender Vater. > MI • 17.3. • 21.45

Tabu (1999) Nagisa Oshima: Als einziger Samuraifilm thematisiert „Tabu“ auch Homosexualität unter den Samurai. > DO • 18.3. • 20.15

Ichi – Die blinde Schwertkämpferin (2008) Fumihiko Sori: Eine Revolution des Mythos „Zatoichi“, des blinden Schwertkämpfers: eine Frau als Protagonistin in einer Männerdomäne. > MI • 24.3. • 21.45

ARTE PLUS


BUCH-TIPPS:
„Hagakure – Der Weg des Samurai“, Tsunemoto Yamamoto, Kabel 2009;
„Bushidô: Die sieben Tugenden der Samurai“, Inazô Nitobe, Piper 2009;
„Die Krieger des alten Japan – Berühmte Samurai, Ronin und Ninja“, Roland Habersetzer, mit 32 Farbtafeln japanischer Holzschnitte, Palisander 2008;
„Der Weg des Samurai: Anleitung zum strategischen Handeln“, Yagyu Munenori, Piper Taschenbuch 2008;
„Das Buch der fünf Ringe“, Musashi Miyamoto, Phänomen 2007

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 18-02-10