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Hip-hop, the world is yours

Vom vereinigten Deutschland nach Frankreich, von Afrika bis nach Israel - der Film begibt sich auf eine Reise in die Geschichte des Hip-Hops.

Hip-hop, the world is yours

Hip-Hop, The World is Yours - 10/01/12

30 Jahre Hip-Hop in zehn Titeln

Wir haben den Redaktionsleiter von ARTE Live Web, Alexandre Lenot, gebeten, die Geschichte des Hip-Hop in zehn Songs zusammenzufassen. Trotz der großen Vielfalt der nunmehr 30 Jahre alten Bewegung ist ihm das Unmögliche gelungen.

Ich soll also 30 Jahre einer komplexen, ausgesprochen vielfältigen und mittlerweile weltweiten Musikrichtung in zehn Titeln zusammenfassen! Wenn ich versage, werden meine Leute wahrscheinlich jegliche Kenntnis dieser Operation abstreiten. Und dass es sich hier um eine „Mission Impossible“ handelt, steht außer Frage: Selbst wenn man nicht auf die heutige Szene eingeht, ist die Liste der Gruppen, die unbedingt genannt werden müssten (sozusagen die Beatles, Stones und Led Zeppelin des Hip-Hop), schon sehr viel länger. Meine Auswahl bewegt sich daher zwischen den unumgänglichen Stücken und persönlichen Vorlieben. Eine gewisse Subjektivität lässt sich dabei nicht vermeiden – meine Liste zeugt von einer erstaunlichen Nostalgie. Sie verzichtet auf das exzellente Outkast-Duo, das so oft auf Hey Ya! reduziert wird, ebenso wie auf das kontrastreiche Werk eines Kanye West oder den genialen Saul Williams, der vielleicht eines Tages unserem Grand Corps Malade erklären könnte, was das Wort „Slam“ wirklich bedeutet. Sie spart sich die Umwege über den instrumentalen Hip-Hop von DJ Shadow und geht auch auf die Westküste der USA geht nicht ein, wo Talente wie Dr Dre und Jurassic 5 gedeihen. Deal with it.


  1. Kurtis Blow – The Breaks
  2. Public Enemy – Fight The Power
  3. Old Dirty Bastard – Brooklyn Zoo
  4. Buck 65 – Roses & Blue Jays
  5. Shurik’n – Samurai
  6. MOP – Ante Up
  7. Mos Def – Ms Fat Booty
  8. Jay Z – Hard Knock Life
  9. Nas & Damian Marley – As We Enter
  10. Gang Starr – Above The Clouds

Alors on danse


Der ursprüngliche Hip-Hop ist vor allem eine sehr tanzbare Musik. Der Mythos dahinter: an die Stelle der Schießereien, die oft den Alltag der Rapper prägten, sollten tänzerische Auseinandersetzungen treten. Zulu Nation um Afrika Bambaataa organisierte Block Partys, wilde Feten in Harlem und Bronx, wo damals die Bandenkriege tobten. Aus dieser Zeit gibt es viele Zeugnisse, von Martha Coopers Fotografien bis hin zu den Filmen aus der Zeit der Sugarhill Gang. Wenn ich mich hier auf ein Beispiel beschränken muss, entscheide ich mich für den allerersten Fernsehauftritt, die Geburtsstunde in der berühmten Sendung Soul Train. 35 Jahre lang traten dort die wichtigsten Interpreten von Soul und Rhythm & Blues auf, und die ungestüm-fröhliche afroamerikanische Musikszene wurde bekannt gemacht. 1980 stellte Kurtis Blow hier seine Single The Breaks vor. Kurtis Blow war in vieler Hinsicht ein Vorläufer: als erster Rapper hatte er kommerziellen Erfolg, wurde bei einem Major-Label unter Vertrag genommen und durfte Konzerte von Bob Marley und The Clash eröffnen. Und er zählte zu den frühen Berühmtheiten der Szene, die ihre ersten Erfolge nie neu auflegten und daher halb in Vergessenheit gerieten.

Kleine Sampling-Kunde


Stellen Sie sich vor, Sie hätten die letzten dreißig Jahre in einem Keller verbracht (oder den Rap als Ghetto-Musik betrachtet, die Ihrer Aufmerksamkeit nicht würdig ist). Dann gliche der heutige Hip-Hop einem sorgfältig ausgewählten Loop, über den eine gute, fest verankerte Rhythmik gelegt wird. Und Sie fragen, ob das Sampling ist? Aber nicht doch, das meint man nicht mit Sampling. Bevor A Tribe Called Quest verurteilt wurde, weil sie ein Loop von Lou Reed übernommen hatten (man muss sagen, die Jungs waren nicht sehr diskret), bedienten sich die Beatmaker fröhlich an einem sehr großen Repertoire und kochten ihr Süppchen mit heute undenkbaren Zutaten. Fight The Power von Public Enemy, komponiert für den Film Do The Right Thing von Spike Lee (1989) und herausgekommen mit dem Album Fear Of A Black Planet im folgenden Jahr - das sind Beispiele für Samples von James Brown, Bob Marley, Afrika Bambaata, den Isley Brothers, Syl Johnson, Sly & The Family Stone, und ich höre hier auf, weiter aufzuzählen. Ergebnis: Ein Haufen von Einzelteilen, insgesamt trotzdem weit komplexer als die drei Gitarrenakkorde von La Bamba.
Nebenbei – wenn man noch immer auf der Straße ist und das alles etwas von einer Party hat – ist die zentrale Aussage dagegen noch stärker und fordernder. Der Beweis in Bildern.

All jene, die die Welt verändern wollen


Klar: Rap stellt Forderungen. Angesichts der Gewalt, die von dieser Musik ausgeht, muss sie notwendigerweise eine kollektive Wut oder die Hoffnung einer Gemeinschaft ausdrücken, viel mehr jedenfalls als das Umherschweifen eines Einzelnen. Das RapGame ist jedoch voller merkwürdiger Randfiguren, vielleicht nicht immer im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten, auf jeden Fall voller zutiefst persönlicher Neurosen. Wir wollen Ihnen Necro ersparen, der passend zu seinem bedeutungsvollen Namen vor allem über sein Verlangen nach Heroin und Pornofilmen rappt.
Interessanter und bekannter, da er bis zu seinem Tod im Alter von 36 Jahren dem Wu-Tang Clan angehörte, war Dirty Bastard. Ein Sänger ohnegleichen, mit schwer zu imitierendem Drunken Style, in Clips trat er mit Zwangsjacke auf und gab auf Konzerten lang gezogene Schreie von sich.

Weiße Jungs bringen’s nicht


So lautet der Titel eines Films mit Texan Woody Harrelson in der Rolle eines Weißen, der Basketball spielen möchte. So, wie in der NBA die Stocktons und Larry Birds das Sagen haben, bleibt auch der Hip-Hop eine Domäne der Schwarzen. Trotzdem nähern sich Ende der 80er Jahre drei Jungs aus Brooklyn diesem neuen Medium, mit einer eher punkigen Do-it-yourself-Mentalität. Innerhalb weniger Jahre landen sie einige der größten Hits des Genres, Songs, die man vom ersten Takt an erkennt. Doch die Beastie Boys sollen lange allein bleiben, bis zum Durchbruch von Eminem, aber auch des Underground Labels Anticon Records und den wenigen Erfolgen von Leuten wie El-P oder Aesop Rock. Buck 65 lässt das Geschichtenerzählen der Troubadoure Folks aus Westamerika wieder aufleben, inspiriert von Dylan oder Springsteen, und erinnert manchmal an Tom Waits. 2008 war er sogar Gast des Symphonieorchesters von Nova Scotia das zu diesem Anlass seine bekanntesten Titel einübte. Auf seiner ganz neuen CD knüpft der Kanadier an einen seiner berühmten Landsmänner an: Leonard Cohen.

Douce France


Der Legende nach erklärte ein Guru, der damals am Gipfel seines Ruhmes angelangt war (und sich anschickte, mit einem damals noch glaubwürdigen MC Solaar zusammenzuarbeiten), eines beschwingten Abends in einem Pariser Vorort, dass Frankreich offensichtlich genauso verkommene Ghettos habe wie Amerika und wie normal es dann sei, dass in solchen Elendsvierteln ein qualitativ hochwertiger Hip-Hop entstehe. Und in der Tat setzten sich Frankreich und sein „Abschaum“ schnell auf der Weltbühne als zweite große Hip-Hop-Nation durch. Darunter selbstverständlich Galionsfiguren (oder Aushängeschilder, je nachdem, von wo aus man es betrachtet) wie NTM (die Nas einladen) und IAM (die Sunz of Men einladen und dem Wu-Tang Clan angehören). Hinter ihnen steht eine Szene, die lange sehr lebendig war und sich kontinuierlich veränderte (und sich daher auch bestens für eine sozialpolitische Chronik eignen würde). In dieser Szene gibt es mittlerweile sogar Stars, deren Fernsehkarriere schon passé ist (Doc Gyneco), und nach über 20 Jahren zählt die Liste der Klassiker des französischen Raps, die auf dem Forum abcdr du son zu finden ist, gut 100 Titel. Wenn ich hiervon nur einen auswählen darf, fällt meine sehr persönliche Wahl auf Shurik’n Samurai, der nach IAM auch solo auftrat und das damals in Frankreich beliebte Black-Blanc-Beur-Image zu untermauern.

The game is the game


Fordernd und widerspenstig steht der Hip-Hop für eine Randgruppe, die sich in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit drängt. Schnell macht er „die Straße“, von der er kommt, zum Mythos. Im Rap sollen Bullen umgelegt werden, es ist von Aufstand die Rede, mit Schussverletzungen und Dealer-Vergangenheit wird angegeben, und das Eigentum anderer wird munter für sich beansprucht. Manchmal holt die Wirklichkeit den Mythos ein, wie beim Tod von BigL, 2 Pac oder Notorious BIG. In der Kategorie Schreier erster Klasse haben sich die beiden Rapper von M.O.P. hervorgetan. Ihre Stimmen sind so voller Wut, dass sie ein Bläserriff von Sam&Dave in Punkgeschrei verwandelten, das ganz schön einheizt. Man braucht den Text nicht zu verstehen, um zu wissen, was diese beiden ihren Feinden antun möchten: am Ton allein begreift man, dass es sehr schmerzhaft sein muss.
http://www.youtube.com/watch?v=3MUGAxpI0Bc

Rap ohne Gewissen ist wie eine zerbrochene Seele


Gegen Ende der 90er Jahre versammelten sich unter der Flagge des Conscious Rap eine Reihe von Künstlern, deren Texte nicht nur von ihren Gefängnisaufenthalten, der Größe ihrer Geschlechtsteile, dem Preis ihres Autos und ihren sexuellen Spitzenleistungen handelten. Dieser Rap, der sich als erstes mit den Wurzeln des Jazz auseinandersetzte und die Afro-Kultur aufgriff, ließ James Browns Motto Black&Proud im Kontext der 90er Jahre neu aufleben. Einer von ihnen, ein gewisser Mos Def, begann seine Karriere beim einschlägigen Label Rawkus, bevor er vor der Kamera von Gondry tanzte. In seinem ersten Soloalbum, Black On Both Sides, verarbeitete er einen unbekannten Titel von Aretha Franklin zu einer wirbelnden Hommage an Mädchen mit Formen. Ms Fat Booty …der Name ist Programm

Jehova


Die World Music hatte Paul Simon. Der Pop Madonna. Der Hip-Hop hat Jay-Z. Genau wie sie legte auch er von Anfang an einen grenzenlosen Ehrgeiz an den Tag („I told you in 93 I came to take this game, and I did“), er spürte den Geist der Zeit als erster und suchte seine Mitstreiter aus wie kein anderer (er schloss sich Linkin Park an, als die kurzlebige Metal-Rap-Welle aufkam, er lud sich nach Malaysia ein, als der asiatische Markt zu erobern war, und er förderte Kanye West, als er die Retro-Soul-Welle erahnte.) Aber da, wo Madonna wie ein Vampir versucht, ihren Mitstreitern das Blut auszusaugen, um selbst am Leben zu bleiben, schien Jay Hova die Welt ganz ruhig zu überfliegen und sich seiner Kraft bewusst zu sein. Trotz seines auf 450 Millionen Dollar geschätzten Vermögens (eine Lappalie verglichen an Mubaraks Schätzen) schafft er es, alle glauben zu machen, er sei immer noch einer aus den Straßen von Brooklyn, immer noch ein Homeboy, immer noch einer „von uns“.
Die weltweite Bekanntheit der Ikone mag manchen stören, doch das Bild aus alten Zeiten, auch wenn es nicht mehr stimmt, setzt sich durch – wie im Musical Annie.
http://www.youtube.com/watch?v=zxtn6-XQupM

All That Jazz


Nur wenige Jazzmusiker haben sich beim Hip-Hop bedient. Einer von ihnen war Miles Davis, doch er starb, bevor er die Einspielung von Doo-Bop 1991 beenden konnte. Dann gab es noch den Saxophonisten Branford Marsalis, Bruder von Wynton Marsalis und Kopf des Projektes Buckshot LeFonque, dessen erster Teil im selben Jahr erschien. Dagegen gibt es viele Hip-Hop-Interpreten, die sich mit den Wurzeln der Musik der Schwarzen in Amerika beschäftigen und dabei – das mag einen verwundern oder auch nicht – viel mehr mit Jazz als mit Blues hantieren. Genannt seien hier Guru und seine Jazzmatazz-Serie, auch die allzu verkannten Asheru & Blue Black Of The Unspoken Heard. Und dann vor kurzem wieder der Veterane Nas. Gemeinsam mit dem Marley-Sprössling entlieh er sich einen Loop von Mulatu Astake, dem Papst des Ethio-Jazz, durch den Soundtrack zu Jim Jarmuschs „Broken Flowers“ wieder in Mode gekommen.
Nas & Damian Marley – As We Enter

Rest In Peace


Es mag seltsam erscheinen, aber in Frankreich ist der Rap eine Ghetto-Musik geblieben und wird als Träger gefährlicher und schädlicher Botschaften angesehen (die Gruppe La Rumeur wurde acht Jahre lang vom Innenministerium verfolgt). In den Vereinigten Staaten dagegen ist Rap heute Mainstream, sogar Hauptbestandteil der amerikanischen Mainstreamkultur, wie Justin Timberlake und Jimmy Fallon gekonnt auf einem landesweiten Sender zur Hauptsendezeit zeigen. Aber dass der Hip-Hop mittlerweile den gleichen Stellenwert hat wie andere – ehrwürdigere – Genres zeigt schon die Tatsache, dass er wie auch Rock und Soul nun ein Alter erreicht hat, in dem seine alten Stars die Bühne für immer verlassen und sich die Ehrungen häufen. So erlag 2010 die New Yorker Hip-Hop-Legende Guru einem langen Krebsleiden. Deshalb zum Abschluss Above The Clouds von Gang Starr.

Alexandre Lenot
Chef vom Dienst ARTE Live Web

Erstellt: 01-03-11
Letzte Änderung: 10-01-12