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Maestro - 13/07/11

Interview mit der Sopranistin Juliane Banse

von Teresa Pieschacón Raphael


ARTE zeigt am Sonntag, den 17. 7. 2011, um 19.15 Uhr als TV-Premiere ein Jubiläums-Konzert mit Orgelwerken von Franz Liszt aus der Saarbrücker Ludwigskirche, mit dem Organisten Christian Schmitt, dem Cellisten Wenn-Sinn Yang und der Sopranistin Juliane Banse.
Lesen Sie hier unser exklusives Interview mit Juliane Banse.

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- Sie wirken so als würden Sie alles mühelos bewältigen, Ihre Karriere als Sängerin, Ihr Leben mit dem Dirigenten Christoph Poppen und Ihre Aufgaben als Mutter; bald bekommen Sie Ihr drittes Kind!

Ich finde das gar nicht so viel. Vieles hilft sich gegenseitig, manchmal ist es wirklich so, dass ich direkt von der Bühne in den Kindergarten fahre, um Ostereier zu basteln. Oder aus dem Ausland komme und direkt vom Flughafen nach Hause komme und mit den Kindern spiele. Mehr noch: ich finde diese Lebensweise gesund. In der Zeit, in der ich keine Kinder hatte, kreiste man doch sehr um sich und viele Dinge bekamen eine Dramatik, die ihnen wirklich nicht zugestanden hätte. Gewiss fordern mich die Kinder sehr  und manches mal würde ich mich auch gerne aufs Sofa knallen und die Glotze anmachen und mich entspannen. Allerdings geben mir meine Kinder innerlich auch wieder viel Energie. Ich habe dann nicht so viel Zeit, um mir Gedanken etwa darüber zu machen, warum der Ton am vorigen Abend jetzt nicht so toll war. Die Dinge rücken an ihren Platz, der Beruf nimmt nicht diese Übermacht ein, wie bei vielen Leuten – ohne dies werten zu wollen. Jeder Mensch setzt seine Prioritäten.

- Hilft Ihnen die Disziplin der Tänzerin, die Sie  eigentlich werden wollten?

Ich glaube ja. Ich wollte zuerst Tänzerin werden, ich war richtig fanatisch danach, bereits mit sieben Jahren. Ich habe  während der Schulzeit jeden Abend zwei Stunden Training gehabt und am Wochenende sogar noch mehr. Zusätzlich kamen die Proben, weil wir regelmäßig eingesetzt wurden bei Ballettabenden. Wenn man Tänzerin werden will, dann kann man regelrecht süchtig danach werden. Doch meine Eltern, besonders mein Vater, der am Theater als Sänger im Ensemble engagiert war, war sehr skeptisch und hat dafür gesorgt, dass ich mit Tänzerinnen sprach, vor allen Dingen mit alternden Tänzerinnen, was man durchaus mit Mitte Dreißig ist. Es tat ihnen jeder Knochen weh, mein Vater  wusste wie hammerhart der Tänzerberuf ist, und dass in einem solchen Beruf  nichts anderes Platz hat. Das ist viel härter als das Sängerdasein.

- Dennoch haben Sie noch einige Zeit gebraucht, um sich für eine Sängerlaufbahn zu entscheiden
Während der Abiturzeit ist das irgendwie gekippt. Ich wusste bereits mit etwa 14, dass da ein Talent für das Singen da war und dass meine Stimme nicht durchschnittlich war. Ich nahm auch Unterricht. Und ich begegnete Brigitte Fassbaender, von der ich wusste, dass sie allen Leuten tendenziell von einer Sängerlaufbahn abrät, weil sie um die Schwierigkeiten des Singens weiß. Sie hat mir zum Beispiel nicht abgeraten, sondern mich ermutigt und mir gesagt, ich solle zu ihr kommen. Und da bin ich schon ins Grübeln gekommen. Wenn die mir das sagt! Dennoch folgte der Entscheidung für den Gesang ein schmerzlicher Ablösungsprozess mit auch körperlichen Entzugserscheinungen.
- Welche?
 Ich Abschied nehmen von einem Selbstbild, das man hat. Tanzen ist ein Lebensgefühl. Man geht nicht zum Tanzen, sondern das ganze Körpergefühl ist davon bestimmt, der ganze Alltag. Damit meine ich das Essen, das Schlafen,  das Trinken, das Aussehen, der Stil, die Haltung, jeden Zentimeter des Körpers betrachtet man mit Argusaugen.

 - Da kann man ja regelrecht neurotisch werden! Man verändert sich doch mit der Pubertät, mit der Schwangerschaft…

Ja, ganz genau, das ist sehr schwer. Dennoch ist es etwas, was man als Tänzerin nicht abschalten kann. Wenn ich allerdings nicht singe, dann denke ich auch nicht darüber nach, dass ich eine Sängerin bin.

- Anfangs hat man Sie – auch wegen Ihrer mädchenhaften Anmut - noch in die Ecke ‚süßes Mädel’ gestellt

Ja, ja, die „kleine süße Mozart-Strauss-Mädchen Schublade“… nur, weil ich über Jahre hinweg die Pamina, Susanna und Ilia gesungen habe. Da bin ich aber raus. Menschen wollen anderen Menschen gewisse Etiketten aufdrücken, das brauchen sie. Aber das geht mir auf dem Geist. Ich bin jetzt über 40 und schon ziemlich erwachsen. Mittlerweile hat sich das sehr schön entwickelt und durch unkonventionelle Inszenierungen, etwa von Dieter Dorn, Robert Wilson oder Martin Kusej, an denen ich mitwirkte, geändert. Ich fühle mich jetzt sehr wohl. Unter der Regie von Brigitte Fassbaender habe ich auch die Tatjana im Onegin gesungen, für mich eine totale Wohlfühlpartie; sie liegt mir perfekt in der Stimme und auch von der Figur ist die Partie sehr interessant, weil man die Entwicklung zeigen kann, vom Backfisch zu einer reifen Frau. Als ehemalige Tänzerin bin ich schon immer ein Tschaikowski-Fan gewesen, ist mir seine Musik sehr ans Herz gewachsen.

- Sie tun es auch Ihrer Mentorin Brigitte Fassbaender gleich und setzen sich sehr für das Liedrepertoire ein

Ja und ich finde es bedauerlich, dass so viele große Veranstalter ihre Lieder-Abende eingestellt haben. Das ist ein ganz schlimmer Verlust, weil ein großer Teil der Kultur, der Lyrik wegfällt. All dies wieder aufzubauen ist so schwierig. Man sollte dem kommerziellen Druck nicht so nachgeben; ich behaupte, das Publikum ist erziehbar, manchmal auch schwer erziehbar, aber erziehbar. Das ist natürlich utopisch gedacht, ich glaube aber, ein Symphoniekonzert weniger und drei Liederabende mehr würden sich auf lange Sicht auch auszahlen. Alle Leute, irgendwann mal den Weg in einen Lieder-Abend gefunden haben, bleiben dem auch treu.

 

- Auf ARTE singen Sie jetzt Werke von Liszt - eine Aufzeichnung im barocken Ambiente der Saarbrücker Ludwigskirche…

 …Ja, zu Liszts 200. Geburtstag mit dem Organisten Christian Schmitt und dem Cellisten Wen-Sinn Yang.

 - Sie selbst haben ja Einiges von Liszt im Repertoire, 2007 Sie ein verschollenes Lied von Franz Liszt auf…

 …. „Wenn die letzten Sterne bleichen" von 1843, das Liszt auf einer Konzertournee in München komponiert hat, derweil er im Salon von Bettina von Arnim verkehrte. Man hört leider zu wenige Lieder von Liszt.  Nur wenige wissen, dass er Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh“ vertont hat und „Mignons Lied“. Dann gibt es ja noch die wunderbaren Titel aus dem Jahr 1842 wie „Vergiftet sind meine Lieder“. „Es war ein König in Thule“, „Der du von dem Himmel bist“ und „Ein Fichtenbaum steht einsam“ von etwa 1855. Ich glaube,  dass dies doch etwas ist, was die Leute anpackt

©2011 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 13-07-11
Letzte Änderung: 13-07-11