Das 62. Internationale Filmfest in Locarno
Wenn der Titel des neuen Films von Detlev Buck über diesem Text steht, so soll seinem Werk dennoch nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden als anderen Filmen, die in diesem Jahr auf dem gemütlichen Schweizer Festival zu sehen waren. Jeder Thailandreisende bekommt neben "Amazing Thailand" "Same Same But Different" öfter als ihm lieb ist zu hören. Gemeint ist etwas, das gleich und doch anders ist, die Redewendung lässt sich praktischerweise auf fast alles anwenden. Das gewünschte T-Shirt gibt es nicht in blau? Egal, nimm das rote – „same, same“. Auf das „...but different“ wird im Eifer des Handels auch gerne mal verzichtet.
Fast täglich bekommt man als Filmkritiker auf einem Festival die Frage gestellt, welcher denn nun der Lieblingsfilm gewesen sei/welcher wohl den Leoparden gewinnen wird. Oft ist es schwierig, eine Antwort darauf zu finden. Es ist nicht einfach, gerade in Filmen des Wettbewerbs nicht. Manchmal beschleicht einen der Verdacht, es gibt Regisseure, die bestimmte formale Kriterien nutzen, um mehr Chancen zu haben, im Wettbewerb zu laufen. Lange frontale Einstellungen, wenig Worte, ein minimales, reduziertes Schauspiel, indem möglichst wenig Emotion liegt. Fast allen Filmen, die im Wettbewerb von Locarno laufen, sind diese Kriterien gemein - same same but different. Das soll nicht heißen, dass die gezeigten Werke nicht gut wären, manche sind es, manche nicht. Als ungeschriebene Regel gilt hierbei, dass auf der Piazza gelacht und im Wettbewerb gedacht wird. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel...
Gewinner des Goldenen Leoparden ist "She, A Chinese",von der chinesischen Regisseurin Xiaolu Guo. Der Film erzählt Meis Suche nach dem Glück. Mei ist ein Mädchen vom Land, die sich mit ihrem Schicksal nicht abfinden mag. Sie geht in die Stadt, lernt einen Killer kennen. Als dieser bei einem seiner Jobs stirbt, fliegt sie mit seinem ersparten Geld nach Europa. Sie heiratet einen alten Engländer, dessen tote Frau sie jedoch nicht ersetzen kann. Mei fühlt sich ungeliebt und unglücklich. Sie beginnt eine Affäre mit Rachid, der einen kleinen Imbiss betreibt. Doch Rachid will zurück in seine Heimat - nach Indien. Es reicht nicht aus, dass sie beide Fremde sind. Mei zieht weiter, mit einem dicken Bauch, in dem Rachids Kind heranwächst.
Detlev Bucks "Same Same But Different" wurde mit dem
"Variety Piazza Grande Award" ausgezeichnet, einem Preis, den Kritiker der US-amerikanischen Filmfachzeitschrift Variety an einen Film verleihen, der sowohl durch seine künstlerischen Qualitäten als auch durch seine internationalen Auswertungschancen überzeugt. Er erzählt die Geschichte von Ben, wunderbar gespielt von David Kross, der nach seinem Abitur mit einem Kumpel nach Kambodscha fliegt und sich dort in eine sehr süße, gleichaltrige Kambodschanerin verliebt. Erst später findet sie heraus, dass sie HIV-positiv ist. Ben versucht, ihr nun zu helfen, für seine erste große Liebe zu kämpfen.
Während Bucks Film erst gegen Ende des Festivals lief, war die
ARTE-Koproduktion "Unter Bauern" schon am zweiten Piazzaabend von gut 6000 Zuschauern unter freiem Himmel zu sehen. Beide Filme hatten Glück und blieben von einem Regenguss verschont. "Unter Bauern - Retter in der Nacht" basiert auf den Erinnerungen der Jüdin Marga Spiegel, die das Naziregime nur dadurch überlebte, dass Bauern sie auf ihrem Hof im Münsterland mehrere Jahre versteckt hielten. Die mittlerweile 96-jährige Marga Spiegel kam mit Anni, der Tochter des Bauern, der sie gerettet hatte, nach Locarno, um die Verfilmung unter der Regie des Niederländers Ludi Boeken auf der Piazza zu präsentieren. Die charmante und noch sehr rüstige Frau ließ sich gebührend feiern, im Film selbst wird sie von Veronica Ferres verkörpert, die auch angereist kam.
Den Preis für den Besten Darsteller ging an Antonis Kafetzopoulos für seine Rolle als stoischer Stavros in der
ARTE-Koproduktion "Plato's Academy". Stavros besitzt einen Kiosk in Athen und pflegt seine alte Mutter. Seine Tage bestehen aus gleichmütigem Warten, bis auf einmal eine folgenreiche Entdeckung sein griechisches Identitätsgefühl bedenklich ins Schwanken bringt. Alles andere als stoisch ist Guillaume Depardieu in dem französischen Wettbewerbsbeitrag
"Au Voleur", seinem letzten Film. Am 13. Oktober 2008 verstarb er an den Folgen einer akuten Lungenentzündung. Großartig und in jeder Szene physisch präsent treibt er den experimentellen Debütfilm der französischen Regisseurin Sarah Leonor an. Er spielt den Kleinkriminellen Bruno, der vor der Polizei fliehen muss. Die Lehrerin Isabelle kommt mit ihm - gemeinsam treibt es sie immer tiefer hinein in einen Wald, in dem sie sich schließlich selbst begegnen. Zusammen mit der experimentellen Filmmusik von Frank Beauvais wird „Au Voleur“ zu einem besonderen Erlebnis.
Eine der spannendsten Sektionen neben der Anime-Retrospektive, der ich einen eigenen
Artikel gewidmet habe, ist die Sektion "Open Doors". Sie ist in diesem Jahr Festlandchina, Hongkong und Taiwan gewidmet. Ziel von "Open Doors" ist es, europäische Produzenten mit Regisseuren und Produzenten aus China, Hongkong und Taiwan im Rahmen eines Workshops, der "Factory", zusammenzubringen. Unter den 23 Titeln dieses Programms waren diverse großartige Filme zu entdecken, etwa
"Liu Liang Shen Gou Ren/ God Man Dog" des taiwanesischen Regisseurs Chen Singing. In "God Man Dog" gibt es keine Zufälle, alles ist Schicksal. Dem einen Paar stirbt das Kind, Yellow Bull versucht Geld für eine neue Beinprothese aufzutreiben und Biung versucht, seine Alkoholabhängigkeit zu bekämpfen. Ein Meisterwerk. "Open Doors" verzichtet darauf, Werke von weltweit bekannten Regisseuren wie Wong Kar Wai und Hou Hsiao-Hsien zu zeigen, und setzt auf Autorenfilmer, die von einem europäischen Publikum noch entdeckt werden können, wie Wang Xiaoshuai, Zhang Lu oder Han Je.
In seinem 62. Lebensjahr ist das Wappentier des Festivals - der gefleckte Leopard - besonders lebendig. Während in den vergangenen Jahren mal nur die Tatzen, oder der gerade verschwindende Schwanz den Katalog, die Busse, Plakate und diverse Festival-Merchandising-Produkte zierte, ist das Tier diesmal besonders vital: Angriffslustig fletscht er die Zähne, die Augen hat er zusammengekniffen. Er steht kurz vor dem Angriff, lässt sich nichts gefallen. Passend also, dass quer durch alle Sektionen des Festivals unbequeme, radikale und experimentelle Filme zu finden sind, die sich wohltuend von den Mainstreamproduktionen unterscheiden, die allzu oft im Kino - und mittlerweile auch auf Festivals - zu finden sind. Ein Beispiel dafür ist
"Kaerlighedens Krigere/Warriors of Love", aus der Sektion "Filmmakers of the Present Competition". Ein Film über bedingungslose Liebe. Regisseur Simon Staho ist nach eigenen Aussagen selbst bereit, für jeden Film, den er drehen will, zu sterben. Dies ist für ihn eine notwendige Arbeitsvoraussetzung. Ohne Kompromisse hat er seine Ode an die Liebe in schwarz/weiß gedreht, in genau 125 Einstellungen, nicht mehr, nicht weniger. Nichts wurde doppelt gedreht, er arbeitet ohne ein Netz, das ihn auffangen könnte. Sein Film erzählt in langen, unbewegten Einstellungen die Geschichte zweier Freundinnen, von denen eine von ihrem Vater missbraucht wurde. Gemeinsam ermorden sie ihn - die Konsequenzen sind tödlich.
"Du Bruit Dans la Tête" aus der Sektion "Appellations Suisse" handelt von der 30-jährigen Laura, die sich einsam fühlt. Sie quartiert einen jungen Ausreißer bei sich zu Hause ein. Der Film versucht, die reale Ebene sowie eine potentielle Ebene parallel zu erzählen. Die Ebene des spontanen Gefühls, die man normalerweise nicht auslebt - wie etwa, jemanden spontan zu umarmen - die erzählt "Du Bruit Dans la Tête". Dadurch wird er zu einem interessanten Experiment.
Für Frédéric Maire, den künstlerischen Leiter des Festivals in Locarno, war es die letzte Amtszeit. Ab nächstem Jahr wird er Chef der Cinémathek in Lausanne werden. Mit der Anime-Retro unter dem Titel „Manga Impact“ hat er gemeinsam mit all seinen Helfern Großes und Unvergessliches geleistet und dem Same Same auch genügend Different gegenübergestellt.
Nana A.T. Rebhan