Kritik: Was die alte Indianerin in der ersten Einstellung von „La Teta Asustada“ am Ende ihres Lebens vor sich hinsingt, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten: In der Inkasprache Quechua erinnert sie sich an einen Überfall, der ihrem Mann das Leben gekostet und sie traumatisiert hat. Auch ihre Tochter Fausta (Magaly Solier), die seit ihrer Flucht bei ihrem Onkel und dessen Familie in einem Elendsviertel von Lima untergekommen ist, ist vom Leid der Mutter gezeichnet – in Form einer Krankheit, die bei den Indianern „Milch des Leids“ genannt wird – von Mord und Vergewaltigung vergiftete Milch also. Nasenbluten und Ohnmachtsanfälle sind die Symptome; hinzu kommt Faustas lähmende Angst, sich unter Menschen zu begeben. Eine große Kartoffel in ihrer Vagina soll verhindern, dass ihr das gleiche widerfährt, wie damals ihrer Mutter.

Ein Film von Claudia Llosa
(Peru/Spanien, 2009, 94’)
Mit : Magaly Solier, Marino Ballón, Susi Sánchez
Wettbewerb

Feinfühlig und großartig bebildert zeigt Llosa, wie eng im lateinamerikanischen Alltag die Symbiose von Leben und Tod nach wie vor ist. Eine Art „Nest“ seien beide für den Menschen, erläutert die Regisseurin auf der Pressekonferenz. Wie Fausta dann in der Folge dieses Nest gegen alle inneren und äußeren Widerstände zu bereiten versucht und dabei singend gegen ihr Lebensgift ankämpft, ist berührend, aber nie kitischig anzusehen. Denn anstatt die eher skurrilen Seiten des magischen Realismus südamerikanischer Machart auszubeuten, kontrastriert Llosa die poetische Innenwelt ihrer Protagonistin zusätzlich mit dokumentarischen Aufnahmen von Beerdigungs- und Hochzeitsritualen, die vom Schmerz und vom Glück der einfachen Leute in den Slums von Lima erzählen. Diese ungebrochene Verbundenheit mit Traditionen, Naturritualen und vorchristlichem Glauben wirkt wie eine Kraftquelle, die letztendlich den Sieg über die Irgnoranz der Oberschicht und über die „Milch des Leids“ davontragen kann.
Martin Rosefeldt







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( Arte Bewertung: 4 )





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