"Sie bekamen sonderbare Halluzinationen in Gehör und Muskeln, widersinnige Körper. Sie versuchten, ihre Sprache zu retten, ihr Blut in den Mund zu pumpen, Definitionen aufzustellen, die so messerscharf und blutig waren, dass kein Staat ihnen standhalten würde."


Drei exemplarische Leben
Diese drei imaginären Biographien sind Teil einer umfassenden Bewegung der französischen Literatur seit Jahrzehnten, die das autobiographische Modell aufgreift, um es zu unterwandern. Erinnert sei an Pierre Michons grundlegendes Buch Leben der kleinen Toten, in dem bedeutungslose Existenzen in der tiefsten Provinz prominent wurden. In den Randzonen der deutschen Stadt, unter Schwulen, Abgetauchten und Koksern, gräbt Alban Lefranc seine sperrigen Leichen aus, um sie zu exemplarischen Figuren zu machen.
"Sein Lachen aber, auch wenn sie es mit vereinten Kräften angingen, wenn sie seinen Mund mit Erde zuschaufelten, wenn sie den Sarg mit Retrospektiven über ihm zunagelten, glaubten sie wirklich, sie könnten sein Lachen abstellen?"

Entsprechend ist Lefrancs Einstieg in die Untersuchung der Formen eines einzigartigen Terrors mehr ein ästhetischer denn ein ideologischer.
Beim Betrachten des Films "Deutschland im Herbst", in der Entdeckung des «dicken, unwürdigen Körpers» des Filmemachers Fassbinder, seiner Selbstinszenierung, seiner Weise, sich physisch von der Geschichte durchdringen zu lassen, erfasst Alban Lefranc das ganze Ausmaß dieser Auseinander-setzung, die Deutsch-
land im Begriff war, mit sich selbst zu führen.

Nur wenige Schriftsteller haben sich letztlich daran gewagt, diese dunkle Periode der deutschen Geschichte literarisch auszugraben. Und genau das macht die Einzigartigkeit von Alban Lefrancs Unterfangen aus. «Mich interessierte zuerst ihr Verhältnis zur Sprache, was sie anfangen wollten mit der Sprache, warum diese Sprache nach der Nazizeit verhindert wurde», sagt der Schriftsteller. «Bei all meinen Figuren findet sich das Verlangen, zu einer lustvollen Sprache zu finden». Ob es nun Baaders Parolen sind oder Ensslins Weigerung zu sprechen, Vespers Poesie, die ins Leere läuft oder Nicos langes Gestotter: alle Figuren Alban Lefrancs sind sprechende Körper. Münder, die ganz physisch die Symptome einer Epoche auf das Papier bringen, die zerrissen wird von Schuld und Leugnen:
"Wir sind aus den konsumverwüsteten Hirnen und dem Dogma der Gewaltlosigkeit hervorgegangen. Wir sind mit Depressionen, Krankheiten, sozialen Abstiegsängsten aufgewachsen. Doch diese Brut hat die Unorte, in die Ihr sie einquartieren wolltet, verlassen. In Euren Eingeweiden habt Ihr eine Armee ausgebrütet", spricht Baader.
Fassbinders dicker, unwürdiger Körper
Endgültig aber sprengt Alban Lefranc in Fassbinders unförmigem Körper den hergebrachten Rahmen der Biographie in einem überaus neuartigen Künstlerporträt. Es ist ein Körper, der sich über alle Öffnungen entleert, der sich ergießt in Kotze, Blut und Scheiße, der geduldig gestaltet wurde durch eine strenge Diät aus Missbrauch aller Arten – Sex, Alkohol, Drogen, Bulimie. Ganz nach der "Methode RWF" verschlingt der Schriftsteller buchstäblich seinen Gegenstand.

Drei Romane
von Alban Lefranc
Verlag: Blumenbar
Oktober 2008
ISBN-10: 3936738432
ISBN-13: 978-3936738438

Eine Rezension von Christine Lecerf
Am nächsten Donnerstag, den 8.10.2008 bespricht Tobias Gohlis "McMafia. Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens" von Misha Glenny.









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