Nur der Tod verbindet Ingmar Bergman und Michel Serrault?
- Serrault, der Mitte der 1950er Jahre gemeinsam mit seinem Bühnenpartner Jean Poiret erstmals im Kino zu sehen war (in „Mörder und Diebe“ von Sacha Guitry, 1957), steht für den harmlosen, komischen Film, wie er in Frankreich zu Zeiten der Vollbeschäftigung und des Zukunftsoptimismus beliebt war. Allein die Titel seiner ersten Filme („Bébert et l’omnibus“, „Nous irons à Deauville“, „Clémentine chérie“) beschwören bei jedem Franzosen unweigerlich nostalgische Bilder von Sonntagsausflügen in die Provinz herauf, mit Comics lesenden Kindern auf dem Rücksitz des pistaziengrünen Panhard oder Simca Chambord.
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Ingmar Bergman dagegen – Sohn eines evangelischen Pfarrers, den aber schon früh das freie Leben fahrender Schausteller faszinierte („Abend der Gaukler“, 1953) – zeigt in seinen Filmen eine widersprüchliche und weibliche Welt zwischen Rauheit, Zärtlichkeit und Introspektion. Einige Jahre nach „Wie in einem Spiegel“ (1960) - bei dessen Entstehung Bergman erklärte, er habe genug davon, auf der Leinwand und im Drehbuch zu erklären, worum es in seinen Filmen geht - galt der Schwede bereits als größter Filmemacher neben Fellini und knapp vor Antonioni und Tarkovsky.
Doch der berühmte Regisseur war auch stets für eine Überraschung gut, einer alten skandinavischen Tradition gemäß, die bereits bei Strindberg beginnt und sich mit dem Dänen Lars von Trier fortsetzt. Beispiele hierfür sind einige Komödien, die zu den weniger erfolgreichen Bergman-Filmen zählen („Ach, diese Frauen“, 1964), sowie andere idyllische Streifen, die besser ankamen („Das Lächeln einer Sommernacht“, 1955). Auch „Die Zauberflöte“ (1975) wurde als leichte Kost für das Weihnachtsprogramm des schwedischen Fernsehens gedreht. Eine geschickte Neufassung von Mozarts Oper, dessen Libretto so ernste Themen wie Krieg, maßlose Machtgier, Verrat und die undeutlichen Grenzen zwischen Gut und Böse behandelt.
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Für Michel Serrault stellten die frühen 1980er Jahre, kurz nach dem triumphalen Erfolg der Kinofassung von „Ein Käfig voller Narren“ (1978), einen Wendepunkt dar. Jean Poiret, der während der gesamten 70er Jahre nicht für den Film gearbeitet hatte, kam nun verändert zurück („Hühnchen in Essig“ von Claude Chabrol, 1985). Sein Bühnenpartner Serrault ging ihm mit einer Reihe von Werken in einem neuen, ernsteren Ton voraus. Die Komödien wurden schwärzer und nahmen einen tragischen Ausgang („Tod dem Schiedsrichter“, „Das Auge“), doch sie hatten unbestreitbar Erfolg. Für eine seiner doppelsinnigsten Rollen wurde Serrault ein einziges Mal in seiner langen Karriere sogar selbst zum Produzenten, und zwar für das Porträt des finsteren und exzentrischen „Doktor Petiot“ (1990), einen Film mit expressionistischen Zügen von Christian de Chalonge. Frankreich wandelte sich – Michel Serrault auch („Kopf oder Zahl“, „Das Verhör“, „Malevil“, „Die Fantome des Hutmachers“ u.a.). Den Höhepunkt dieser an Abenteuern reichen Periode bildete Claude Sautets „Nelly und Monsieur Arnaud“ (1995), der zu einem Konflikt zwischen Serrault und dessen Schauspielerkollegen Michel Piccoli führte: Piccoli, der mit Sautet bereits „Die Dinge des Lebens“ und „Das Mädchen und der Kommissar“ gedreht hatte, konnte es nie verwinden, dass der Regisseur ihn nicht für diesen Film gewählt hatte. Bis zu Sautets Tod im Jahr 2000 sprachen die beiden Rivalen nicht mehr miteinander.
Serrault und Bergman haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam, doch beide meisterten so manche Schwierigkeit in ihrer Karriere durch dieselbe Tugend: durch Treue. Serrault arbeitete nicht nur mit so liebenswürdigen Regisseuren wie Pierre Tchernia („Le Viager“, „Die Gaspards“), sondern auch mit dem gestrengen Jean-Pierre Mocky („Die Freunde der Margerite“, „Das Wunder des Papu“, „Grabuge!“), mit dem er noch in den letzten Jahren drehte, obwohl der Filmemacher über keinerlei finanzielle Mittel mehr verfügte. Bergman seinerseits drehte alljährlich ein bis zwei Filme (bis zu einer amerikanischen Produktion, „Das Schlangenei“), dank der Unterstützung eines eingespielten Teams und einer Sparsamkeit, die noch aus seiner Theaterzeit stammte.
Beide, der Darsteller und der Regisseur, waren auch dem Fernsehen nicht abgeneigt. Für Bergman war es ein Experimentierfeld, dem er den letzten Teil seiner Karriere widmete, nachdem er sich mit „Fanny und Alexander“ (1982) vom Kino verabschiedet sowie mehrere Bücher mit Erinnerungen und eine bis heute maßgebliche Autobiografie („Laterna magica: mein Leben“) veröffentlicht hatte. Auch Serrault war unlängst in einem Fernsehfilm über die Affäre Dominici zu sehen, der ein kritisches Licht auf die französische Justiz und die mediale Behandlung von Kriminalfällen wirft. Er rüttelte gern an seinem Image als freundlicher Opa und pflegte es zugleich. Bergman, der sich im eigenen Land durch seinen Ruhm und seine für Kollegen schwer zu akzeptierende „Allmacht“ nicht nur Freunde gemacht hatte, zog sich auf die windgepeitschte steinige Insel Farö zurück. Doch selbst dort hatte er sich einen Filmraum eingerichtet, wo er sich neue schwedische und ausländische Produktionen anschaute und diese (wie seine Angehörigen betonen) auch kommentierte. Es scheint, als habe sich weder der beliebte Schauspieler noch der berühmte Filmemacher in den letzten Lebensjahren auf den wohlverdienten Lorbeeren ausruhen wollen.
Julien Welter