BIRDWATCHERS
In Birdwatchers lässt Marco Bechis zwei völlig konträre Kulturen aufeinander treffen: Eine Gruppe Ureinwohner ist ihres Lebens im Reservat überdrüssig. Es gibt kaum Arbeit, und die ausbeuterischen Bedingungen haben schon einige Indios Selbstmord begehen lassen. So beschliessen sie unter der Führung von Nadio Land zu besiedeln, das einst ihren Vorfahren gehört hat. Der dortige Farmer beobachtet diese Entwicklung mit grosser Skepsis, weiß aber nicht genau, wie er dagegen vorgehen soll. Ein Aufstand mit Waffen bahnt sich an: Der Farmer will sein Land verteidigen, die Indios wollen es besetzen. Bechis zeigt vorsichtige Annäherungen zwischen den so unterschiedlichen Menschen. Da flirtet etwa die Farmerstochter mit dem Indio Osvaldo, der einmal Schamane werden soll. Dazu muss er jeden Tag viel beten. Doch das freche Mädchen kommt an dieselbe Wasserstelle zum Baden und lenkt ihn von seiner Aufgabe ab. Immer wieder treffen sich die beiden mehr oder minder zufällig dort. Einmal lernt sie Osvaldo Motorrad fahren, ein andermal "baden" sie gar beide nackt im Wasser.
Das konkrete Zusammentreffen des Farmers und der Gruppe der Ureinwohner ist von Sprachlosigkeit gekennzeichnet. Beide wissen nicht, wie sie miteinander kommunizieren können. Doch die Größe der schweigenden Gruppe, die sich um den Farmer und sein Auto gesellt reicht aus, ihn zum Wegfahren zu bewegen. Birdwatchers verzichtet auf viel Dialog. Er zeigt in aller Ruhe und Ausführlichkeit das Leben in der Gruppe der Indios, deren Pflichten und Aufgaben. Um Osvaldos Berufung zum Schamanen zu verdeutlichen, experimentiert Bechis auf der Tonebene. Osvaldo spürt etwa, wenn ein Mensch sich umgebracht hat. Dann hört er schrille Töne im Kopf, ein unerklärliches Fiepen, das Bechis auch uns hören lässt. Überhaupt zeigt er eine besondere Sensibilität für Töne. Geräusche vorbeifahrender Autos etwa sind sehr deutlich zu hören, Musikfetzen, Motoren. All diese Geräusche scheinen in die Natur einzudringen, für die stellvertretend auch die Gemeinschaft der Indios steht, die versuchen ein möglichst Natur verbundenes Leben zu führen.
Mit der im Film verwendeten Musik teilt Bechis Birdwatchers in zwei Teile. Die Handlungen, während die Indios das Land besetzen, werden von der klassischer Musik Domenicos Zipolis begleitet. Erst später, nachdem die Indios ihre Rituale auf dem besetzten Land angewendet haben und es damit für sich zurückerobert haben, ist die typische traditionelle Musik der Indios zu hören.

Von Marco Bechis
Brasilien/Italien 2008, 108 Min.
Mit Abrisio da Silva Pedro, Alicelia Batista Cabreira, Ambrosio Vilhava
Venezia 65

Die Darsteller der Ureinwohner sind allesamt Laien, ihr Spiel ist mehr als überzeugend. Bechi stellt kompromisslos zwei Kulturen nebeneinander. Er versucht nicht, den permanent währenden Konflikt zu lösen. Er macht aufmerksam auf die Unterschiede, aber auch auf die Gemeinsamkeiten der Indios und der Farmer. Obwohl Osvaldo seine schönsten und intimsten Momente mit einem Mädchen mit der Farmerstochter erleben durfte, wird er sie am Ende verfluchen, mit ihrer ganzen Familie. Wie ein wildes verwundetes Tier mit Kriegsbemalung dringt er ein in den Garten des Farmers und stösst Angst erregende Urschreie aus. Bechi zeigt, er wertet nicht. So nah wie im Wasser werden sich die beiden nie wieder sein.






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