Das Sachbuch zum Roman?
Die erste Reaktion auf den Buchtitel war ein „déjà vue“, war die Erinnerung daran, dass es vor etwa 30 Jahren schon einmal ein Buch etwa dieses Titels gegeben hatte, „Die Akte Odessa“ des englischen Autors viel verkaufter Politthriller, Frederic Forsyte. Der höchst spannende Roman schilderte die Geschichte einer straff geführten Organisation der ehemaligen SS Angehörigen (OdeSSA), die nach 1945, mit vielfältiger Hilfe ihnen nahe stehender staatlicher- und nichtsstaatlicher Institutionen unterschiedlichster Nationalität, ihre Kameraden nicht nur durch die Flucht nach Südamerika vor der Nachkriegsjustiz zu retten versuchten, sondern die darüber hinaus ein Viertes Reich auf der Basis der Hitlerschen Ideen begründen wollten.
Dabei war der Roman nicht ausschließlich ein Produkt der blühenden Phantasie eines begnadeten Geschichtenerfinders, sondern beruhte auf gründlichen Recherchen des ehemaligen Reuters - Korrespondenten aus den 60er Jahren, die der Geschichte viel Authentizität verliehen. Aber bis heute wird, vor allem von der Wissenschaft, aufs heftigste bestritten, dass es eine Organisation “Odessa“ wirklich je gegeben hat.
Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass der Autor, der argentinische Journalist, Uki Goni, so große Schwierigkeiten hatte, für sein in England schon im Jahre 2002 publiziertes Buch einen deutschen Verleger zu finden. Keiner der großen Verlage war bereit, das Buch herauszubringen und so landete es schließlich bei Assoziation A, einem kleineren Berliner Verlag der bekannt dafür ist, unbequeme, kämpferische Bücher auf den Markt zu bringen und dabei auch schon mal das Risiko einzugehen, auf den Index zu geraten.
Noch immer eine Mauer des Schweigens
Uki Goni hat ein „Anliegen“: Dazu bekennt er sich ganz offen in allen Interviews. Er ist - obwohl er in den Staaten geboren ist und viele Jahre in Europa gelebt hat - stark geprägt von der argentinischen Gesellschaft, von den sich ablösenden Militärdiktaturen und ihren Verbrechen, von den Todesschwadronen, über die man nicht sprach, und davon, dass es in den späten 70er Jahren in fast jeder Familie jemanden gab, der irgendwann nachts abgeholt worden war und nie wieder auftauchte. Der argentinische Journalist und Historiker will die Mauer des Schweigens durchbrechen, die man in Argentinien aufgerichtet hatte und die es immer wieder zuließ, dass sich solche Verbrechen wiederholen konnten. Und er will versuchen, Antworten auf Fragen zu finden, die man sich, in der Überlebensgesellschaft der Militärdiktatur, gar nicht erst zu stellen traute.
Eine dieser Fragen: Was veranlasste den charismatischen Juan Domingo Peron und seine wie eine Heilige verehrte Frau Evita, sich einerseits so massiv gegen die Einwanderung naziverfolgter Juden auszusprechen - bis hin zu einer geheimen Order an die argentinischen Konsulate überall in der Welt, ja keine Einreisevisa für Juden auszustellen - und andrerseits in den Jahren nach dem Kriege alles dafür zu tun, dass Nazi-Verbrecher der ersten Kategorie, wie der KZ-Arzt Mengele und der Organisator der systematischen Judenvernichtung, Adolf Eichmann, den der israelische Geheimdienst, Mossad, dann später aus Argentinien entführte und in Jerusalem vor Gericht stellte, anstandslos in das südamerikanische Land einreisen konnten. Uri Goni kann nachweisen, dass mindestens 300 von der Todesstrafe bedrohte Nazi-Verbrecher auf unterschiedlichen Wegen nach Argentinien geschleust wurden. Viele von ihnen sind schon Wochen nach ihrer Einreise in Perons Villa Rosada empfangen worden.
Tausende fanden den Weg nach Argentinien
Dabei ging es Peron offenbar auch darum, hoch qualifizierte Wissenschaftler und Ingenieure aus Nazi-Deutschland zu rekrutieren. Alle diese Einwanderer zusammen sollten so etwas wie eine neue Elite bilden, die, nach einem baldigen siegreichen dritten Weltkrieg gegen die Sowjetunion und den Kommunismus, mit dem er und seine Nazi-Freunde fest rechneten, die Schlüsselpositionen in der Welt besetzen sollte.
Uki Goni hat sich die Arbeit an seinem Buch über die so genannten „Rattenlinien“ von Europa nach Argentinien nicht leicht gemacht. Und vor allem hat man sie ihm nicht leicht gemacht. In Argentinien waren große Mengen von Dokumenten zur Einwanderungspolitik aus der Zeit von 1943 bis 49/50 schon bald nach dem Ende der ersten Regierungszeit Peron vernichtet worden. Und dann noch einmal 1996, der Rest der bis dahin minutiös geführten Akten, kurz bevor man sich entschloss, eine Historiker-Kommission, der auch Uri Goni angehören sollte, mit der Aufarbeitung dieses heiklen Kapitels der argentinischen Geschichte zu beauftragen. Als Goni feststellte, dass die Kommission alle Fragestellungen vermied, die dazu angetan waren, einen Schatten auf den Präsidenten Peron und die bis heute wie eine Heilige verehrte Evita fallen zu lassen, trat er aus der Kommission aus.
Eine von Vatikan und Alliierten gebilligte Fluchtorganisation für Kriegsverbrecher
Er hat dann allein weiter recherchiert, überall in der Welt. Fast 10 Jahre lang hat er nach Beweisen dafür gesucht – und schließlich auch welche gefunden – die belegten, dass es eine von Präsident Juan Domingo Peron und anderen aufgebaute Fluchthilfeorganisation für Kriegsverbrecher gegeben hat, die vom Vatikan und den Alliierten in Washington und London gebilligt wurde. Nach Auswertung von Dokumenten aus amerikanischen, britischen, spanischen und italienischen Archiven, nach hunderten von Interviews mit Überlebenden, konnte er sogar beweisen, dass es schon 1946 zu einem Abkommen zwischen dem Vatikan und Argentinien über die Ankunft französischer Kriegsverbrecher gab. 1947 wurde diese Tür für die kroatischen Ustascha-Mörder geöffnet und 1948 gab es ein Abkommen zwischen Argentinien und der Schweiz, das dafür sorgte, dass die deutschen und die österreichischen Nazis unbehindert nach Südamerika ausreisen konnten. Natürlich mussten sie alle jeweils auch noch in die Länder, über die sie ausreisen konnten, gelangen.
Uki Goni hat auch diese Wege gründlich recherchiert und die Organisationen sowie die Menschen herausgefunden, die da mitgeholfen haben. Aus der Summe ergibt sich zwar keine straffe Organisation, wie etwa Forsyte’s „Odessa“, aber doch ein, zum Teil bis heute bestehendes, eng geknüpftes Netzwerk aus Menschen mindestens sehr ähnlicher Ideologien und Motive, über das selten offen gesprochen wird.
Insofern ist es verdienstvoll, dass mit diesem Buch auch bei uns zulande wenigstens ein Teil der Mauer des Schweigens eingerissen wird.







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