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KurzSchluss

"KurzSchluss - Das Magazin" zeigt die neuesten Kurzfilme aus aller Welt - und wirft einen Blick hinter die Kulissen: mit Porträts, Drehberichten, aktuellen Festival- und Filmtipps und vielen spannenden Interviews.

> 12. Oktober > Hans Richter

Mittwoch 12. Oktober 2005 um 00.10 Uhr - 08/10/05

Hans Richter

Hans Richter wurde 1888 in Berlin geboren, wo er lebte und arbeitete. Er wandte sich zunächst der Malerei zu und fühlte sich anfänglich zum Expressionismus hingezogen. Seine Visionären Porträts zeugen von der Auseinandersetzung mit den quälenden Themen dieser Stilrichtung. Auch im anschließenden Exkurs in den Kubismus fand Richter nicht seine künstlerische Bestimmung; diese sollte sich ihm erst 1916 während eines Aufenthalts in Zürich offenbaren. Infolge des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs waren Künstler aus vielen Ländern in diese Stadt geflohen, in deren brodelndem geistigem Leben Hans Richter seinen Weg fand. In Zürich lernte er auch den schwedischen Maler Viking Eggeling kennen, der ihn in die abstrakte Malerei einführte. Richter schloss sich der Dadaismus-Bewegung an. Der dem Dada innewohnende Geist der Auflehnung und des Satirischen prägten den Künstler ebenso nachhaltig wie die radikale Infragestellung der herrschenden Gesellschaftsordnung. In seinen jetzt überwiegend abstrakten Werken versuchte Richter, Bewegung in Bilder umzusetzen.

1919 entstanden die ersten Rollenbilder, elf aufeinander folgende Bewegungsskizzen, die ihm später als Vorlage für seine Filme dienen sollten.

1964 schrieb Richter in Dada – Kunst und Antikunst sinngemäß, Dada sei nach 1924 als Bewegung verschwunden, aber die Dadaisten hätten überlebt. Ab 1920 experimentierten Richter und Eggeling ausgehend von den Rollenbildern, die sie als „Partituren“ benutzten, mit dem Medium Film. Es entstanden erste, wegweisende abstrakte Werke. Eggeling verarbeite sein zweites Rollenbild zur Diagonalsymphonie, Richter drehte Rhythmus21. Beide Filme sind abstrakt, doch sie unterscheiden sich in ihrem Wesen und in der Herangehensweise an die Thematik. Eggelings Ausgangspunkt waren Linien, für Richter war es die Fläche. Eggeling inszenierte und entwickelte ein Zeichensystem, während Richter völlig auf die Form verzichtete und versuchte, unterschiedliche Geschwindigkeiten und Rhythmen von Zeit zu visualisieren.

In den 1920er-Jahren widmete sich Richter zeitweise der Kunsttheorie und schrieb u.a. für De Stijl. Die von der gleichnamigen Gruppe niederländischer Künstler gegründete Zeitschrift strebte unter dem Einfluss des Kubismus eine radikal neue, auf der Variation geometrischer Formen und dem Zusammenführen von Architektur, Malerei und bildender Kunst basierende Formensprache an.

Richter wurde Mitherausgeber der Zeitschrift G., deren revolutionäre Typographie für den Konstruktivismus in der jungen Sowjetunion Pate gestanden haben soll.
Vor allem aber wandte sich Richter in dieser Zeit endgültig dem Film zu. Seine Filmstudie (1926) bildete den Abschluss der ersten Experimentierphase mit filmspezifischen Rhythmen und Bewegungen.

Mit Vormittagsspuk (1928) kehrte Richter dem abstrakten Film vorübergehend den Rücken. Die absurde Dada-Komödie ist eine „Scheindokumentation“ über die Rebellion von Objekten: Attribute des Wohlstands proben den Aufstand, heben die tradierte Ordnung auf und geben das Bürgertum der Lächerlichkeit preis (ein Vorläufer der surrealistischen Provokationen in Luis Buñuels Das goldene Zeitalter. Richter verwirrte den Zuschauer mit damals ungewöhnlichen Stilmitteln (Spiegelung der Figuren, sich überlappende Bilder, ständige Wiederholung gleicher Gesten usw.). Durch die Beschleunigung des Rhythmus und die immer schnellere Bewegung von Gegenständen und Körpern ließ Richter eine überraschende Dynamik entstehen. Im gleichen Jahr drehte er den halbdokumentarischen Kurzfilm Inflation, eine bissige Parabel auf die Lage im damaligen Deutschland, die 1929 im wirtschaftlichen Zusammenbruch mündete. Nach der Machtübernahme verboten die Nazis Vormittagsspuk und erklärten den Film zu „entarteter Kunst“. Daraufhin flüchtete Hans Richter in die Sowjetunion. Dort plante er einen avantgardistischen Dokumentarfilm mit dem Titel Metall, brach das Projekt jedoch ab.

In den USA eröffnete sich ihm die Chance zu einem künstlerischen Neubeginn. Richter übernahm die Leitung des Filminstituts am New Yorker City College. Parallel zu seiner Lehrtätigkeit entstand gemeinsam mit mehreren ebenfalls in die USA emigrierten europäischen Künstlern, wie Fernand Léger, Marcel Duchamp, Max Ernst und Man Ray, der Film Dreams that Money Can Buy (Träume zu verkaufen - 1947). Richter setzte die Entwürfe seiner Künstlerkollegen filmisch um und fügt eine eigene, vom Mythos des Narziss inspirierte Episode hinzu. Obwohl der Film von einem zu dieser Zeit bereits überholten Surrealismus geprägt war, sollte er zahlreiche Regisseure der New Yorker Avantgarde beeinflussen.

Es folgten zwei weitere Gemeinschaftswerke: 8x8 (1956-1957), ein Film über das Schachspiel unter Mitwirkung von Jean Cocteau, Alexandre Calder, Paul Bowles, Jacqueline Matisse und Marcel Duchamp, und schließlich Richters letztes Werk Dadascope (1961), ein Film mit Gedichten und Prosa, vorgetragen von Künstlern der Dada-Bewegung wie Hans Arp, Marcel Duchamp, Raoul Hausmann und Richard Huelsenbeck. In seinem 1964 veröffentlichten künstlerischen Testament, Dada – Kunst und Antikunst, lässt Hans Richter die Erinnerung an Künstler, Begegnungen und Ereignisse, die ihn prägten, noch einmal aufleben.

Hans Richter starb 1976 in Locarno/Schweiz.

  • Filmografie

1921 - Rhythmus 21 (Deutschland, s&w, 3 Min.)
1923 - Rhythmus 23 (Deutschland, s&w, 2 Min.)
1925 - Rhythmus 25 (Deutschland, s&w, coloriert)
1926 - Filmstudie – Film Study (Deutschland, s&w, 3 Min.40)
1927/1928 - Inflation (Deutschland, s&w, 3 Min.)
1928 - Vormittagsspuk – Ghost Before Breakfast (Deutschland, s&w, 6 Min.)
1929 - Zweigroschenzauber – Two penny Magic (Deutschland, s&w, 2 Min.)
The Storming of La Sarraz (Deutschland, s&w)
Rennsymphonie – Race Symphony (Deutschland, s&w, 7 Min.)
Everyday (UK/Schweiz, s&w)
Alles dreht sich, alles bewegt sich (Deutschland, s&w, 3 Min.)

1930 - Neue Leben (Schweiz, s&w)
1931 - Europa radio (Niederlande, s&w)
1933 - Hallo Everybody (Niederland, s&w)
1934 - Keine Zeit für Tränen
1936 - Vom Blitz zum Fernsehbild
1947 - Dreams That Money can Buy (USA, Fabre, 99 Min.)
1957 - 8 X 8 : A Chess Sonata in 8 Movements (USA, Farbe, 80 Min.)

1961 - Dadascope

  • Mehr zum Thema

Website zum Thema Dadaismus (frz.)
Die Dada-Bewegung (deut.)
Sons & Lumières: une histoire du son dans l’art du XXè siècle (frz.)
Dada im Centre Pompiodou (frz.)
Surrealismus und Dada : Die Realität und darüber hinaus (frz.)
Fotomontagen von John Heartfield L’art comme projectile politique (frz.)
Walther Ruttmann (deut.)
Oskar Fischinger I (engl.)
Oskar Fischinger II (frz.)

  • Filme

Das Frühwerk Early Works von Hans Richter auf VHS-Video erschienen bei Re:Voir.

Erstellt: 20-09-05
Letzte Änderung: 08-10-05