Unvergesslich bleiben die vielen Abende, die wir am Ende des Drehtages mit dem Bürgermeister der Andenstadt Andahuaylillas verbracht haben. Durch lange Gespräche bei einer Flasche Pisco konnten wir von Guillermo Chillihuany, einem aufgeschlossenen, sozial engagierten Indianer der Hochland-Region, einen eindringlichen Einblick in das heutige Peru bekommen und Hintergründe für die grassierende Armut erfahren. Immer wieder betonte der Bürgermeister die anhaltende Diskriminierung der Quechua-Indianer durch die Mestizen, jenen wohlhabenderen, Spanisch sprechenden Nachfahren von Indianern und spanischen Kolonialherren, die zur Mehrheit der Bevölkerung zählen. Heute noch, 500 Jahre nach der Eroberung durch die Spanier, sind die Ureinwohner Perus Menschen dritter Klasse.„Indianer“ – immer wieder wird diese Bezeichnung als Schimpfwort verwendet. Es steht für „zurückgeblieben, ignorant, stinkend, schmutzig“ – Vorurteile, die weiterhin am Selbstwertgefühl der Inka-Nachfahren nagen. Fast unter Tränen erzählte uns der Bürgermeister, wie sehr er sich als Jugendlicher wegen seiner Quechua sprechenden Eltern geschämt hatte. Durch Stipendien hatte er studieren können und jedes Mal, wenn er von ihnen in der Stadt besucht wurde, tat er vor den anderen Schülern so, als würde er kein Quechua verstehen und die beiden nicht kennen.
Heute versucht der Bürgermeister, etwa durch den Unterricht in Schulen und Alphabetisierungskurse, bei den Quechua-Indianern der Region Stolz auf ihre Herkunft zu erwecken. Doch gegen die praktischen Seiten der Diskriminierung führt er oft einen aussichtslosen Krieg. Die meist abgeschiedenen Gemeinden der Quechua-Indianer, die zur Kreisstadt Andahuaylillas gehören, bekommen weitaus weniger staatliche Gelder für ihre Infrastruktur als Orte, in denen vorwiegend Mestizen leben. Nur zur Wahlzeit erinnern sich die Politiker aus Lima an die ferne Quechua-Welt, meint Guillermo Chillihuany.In Churubamba zum Beispiel gibt es keinen Strom, keine Medikamente, keine Busverbindung. Die einzige Straße ist über die Hälfte des Jahres in eine unbefahrbare Piste aus schlammiger Tonerde gewandelt. Und in der Zwergschule mangelt es an allem: Ein Buch müssen sich drei Schüler teilen, und die Stifte bezahlt der Lehrer aus eigener Tasche. In den letzten fünfzehn Jahren hat keines der Kinder die Schule bis zum Abitur in der Kreisstadt besucht. Und wenn sie später dort Arbeit finden, bekommen sie meist die Hälfte des üblichen Lohns.
Auf dem Markt von Andahuaylillas konnten wir beim Dreh selbst erleben, wie die Indianerinnen von Churubamba, die kaum Spanisch sprechen, beim Handel den Mestizen unterliegen, von ihnen belächelt werden und ihre Produkte am Ende weitaus unter dem gängigen Preis verkaufen müssen. Umso mehr haben wir uns dann gefreut, als sie das Fußballspiel gegen die Städterinnen gewannen. Auf einmal fühlten sich die Indianerinnen von Churubamba von den Mestizen beachtet und bewundert – ein Erlebnis, das ihr Selbstwertgefühl steigerte und sie einen kleinen Schritt weiter auf dem Weg der Eigenständigkeit brachte. Die Anden-Meisterschaft der Frauen hatte der Bürgermeister von Andahuaylillas vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Nur über die Frauen, so glaubt er, kann die Entwicklung der unterdrückten Andenregion vorankommen.Carmen Butta





Facebook
Twitter
RSS