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28/04/04

"Die Versöhnung kann man nicht verordnen"

10 Jahre Demokratie in Südafrika


Interview mit dem Afrika-Korrespondenten der Zeit Bartholomäus Grill

Das Ende der Apartheid liegt jetzt zehn Jahre zurück. Was hat sich seit den ersten freien Wahlen in Südafrika getan?
Dieses Land hat sich grundlegend verändert. Südafrika ist jetzt eine Demokratie, ein Rechtsstaat, eine normal funktionierende Marktwirtschaft. Das war durchaus nicht selbstverständlich; es hätte ja auch anders kommen können. Viele haben damals einen Bürgerkrieg prophezeit, einen Zusammenbruch des Landes, die Massenvertreibung der Weißen. Und nun erfreut sich Südafrika einer blühenden Demokratie.

Wie funktioniert das Zusammenleben zwischen Schwarzen und Weißen nach der Aufhebung der Rassentrennung?
Das ist natürlich nicht ganz so einfach. Die Einführung einer multikulturellen Gesellschaft oder einer Rainbow-Nation – einer Regenbogennation, wie das hier genannt wird – ist wesentlich schwieriger als die Einführung des demokratischen Systems. Denn die Versöhnung kann man nicht verordnen. Man lebt zwar einigermaßen friedlich nebeneinander her, aber von einer wirklichen Versöhnung kann man noch nicht sprechen.

Durch die Arbeit der Wahrheitskommission sollte eine Aussöhnung zwischen Tätern und Opfern des Apartheidregimes stattfinden. Was hat die Wahrheitskommission geleistet und wie ist sie aus Ihrer Sicht zu bewerten?
Die Wahrheitskommission muss man insgesamt als ein sehr positives Instrument oder einen sehr mutigen Versuch bewerten, die Vergangenheit zu bewältigen oder aufzuarbeiten. Man kann die Vergangenheit natürlich nicht abarbeiten, aber das Entscheidende war, dass die Opfer der Apartheid öffentlich aussprechen konnten, was ihnen angetan wurde. Die Täter konnten von dieser Wahrheitskommission amnestiert werden, wenn sie ihre Taten bekannten und keine niederen Motive vorlagen, d. h. man hat einerseits eine Amnestie für Täter ermöglicht und andererseits den Opfern die Möglichkeit gegeben, ihren ganzen Gram und ihr Leid auszusprechen. Das waren die größten Errungenschaften. Die Kritiker der Wahrheitskommission würden sagen: „Na gut, man kennt nun die Wahrheit, aber man hat die Gerechtigkeit auf dem Altar der Wahrheit geopfert“. Die meisten Täter sind ungeschoren davongekommen. Manche Angehörigen von schwarzen Opfern sprechen von Persilscheinen. Andererseits, was wäre die Alternative dazu gewesen? Ich glaube, die Wahrheitskommission ist auch ein Modell für andere Länder, wie man mit der Vergangenheit umgehen kann und eine friedliche Zukunft sichert.

Wäre solch ein Aufarbeitungsmodell auch in anderen ehemaligen Diktaturen denkbar, z. B. im Irak?
Ich denke, dass man das nie so direkt vergleichen kann. Jedes Land hat seine eigenen historischen Gegebenheiten. Man muss vielleicht dazu sagen, dass es in Südafrika vergleichsweise wenige Täter und sehr viele Nutznießer eines Unrechtssystems gab. In jedem Fall wäre dieses Modell nicht denkbar. Als Beispiel nenne ich Ruanda: Der Alptraum Afrikas und der Traum Afrikas fanden gleichzeitig statt – Völkermord in Ruanda und demokratische Wahl und Ende der Apartheid in Südafrika, beides vor genau 10 Jahren. In Ruanda gab es sehr viele Täter, 400.000 bis 500.000 etwa, und sehr viele Opfer. Allein vom Quantitativen her kann eine Wahrheitskommission daher nicht auf ein Land wie Ruanda übertragen werden. Abgesehen davon fehlt es an der Infrastruktur, diese Form der öffentlich-medialen Aufarbeitung zu leisten.

Trotz einer vorbildlichen Verfassung hat sich in Südafrika wenig an den Besitzverhältnissen geändert. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer mehr auseinander. Wie kann man dieses Problem angehen?
Das ist die Gretchenfrage in diesem Lande. Man hat auf eine Wirtschaftspolitik gesetzt, die man heute neoliberal nennt. Es war sicherlich der richtige Weg am Anfang. Südafrika war eine vollkommen veraltete isolierte Volkswirtschaft und durch die Sanktionen, durch den internationalen Boykott an den Rand des Weltsystems gedrängt. Diese Wirtschaft musste sich erst wieder reintegrieren in den Weltmarkt, musste wieder konkurrenzfähig werden, d. h. Südafrikas Wirtschaft musste modernisiert werden. Genau das hat der ANC, die Regierungspartei in den letzten 10 Jahren, getan mit einem beispiellos neoliberalen Programm, wie die Kritiker sagen: Man hat privatisiert, man hat dereguliert, man hat die Märkte geöffnet. Im Grunde wurde man zu einem Musterschüler der Weltbank in Washington, mit dem Ergebnis, dass man hier eine sehr stabile Wirtschaft hat. Aber Modernisierung bedeutet eben auch Verlust von Arbeitsplätzen. Um es genau zu sagen: Südafrika hat seit der Wende 1994 eine halbe Million Arbeitsplätze verloren. Das ist genau der springende Punkt. Die eigentliche Opposition kommt von links, links vom ANC. Innerhalb des ANC gibt es Diskussionen von Abweichlern, die sagen, wir müssen eine eigene Arbeiterpartei gründen, die tatsächlich den Bedürfnissen der Armen, der Arbeitslosen, der verarmten Massen Rechnung trägt. Der ANC ist eine Mittelschichtspartei geworden. Er zielt auf die schwarze Mittelschicht und die Entwicklung derselben, aber er vernachlässigt die breite Masse der Armen. Genau das muss sich der ANC z.B. auch von einem Wirtschaftsexperten wie Sampie Terreblanche und anderen vorhalten lassen, die sagen, dass diese neue Regierung, die schwarze Regierung in den letzten zehn Jahren zwanzig Millionen arme Südafrikaner sträflich vernachlässigt hat. Wie das Problem zu lösen ist, das ist eine andere Frage. Wenn man sieht, dass Deutschland auch keine Lösung hat, um seine Arbeitslosen abzubauen, wie sollte es ein Land wie Südafrika schaffen, das noch weniger Mittel und viel weniger Ressourcen hat?

2003 erschien ihr Buch „Ach, Afrika“. Ist dieses „Ach“ romantisch oder eher resigniert gemeint?
Beides oder keines von beiden. Es ist ein sehr ambivalenter Begriff. Wenn Sie das Wort Afrika durch das Wort Amerika ersetzen, würde keiner auf die Idee kommen, dass es irgendwie negativ oder resignativ sein könnte, d. h. diese Konnotation des Resignativen muss wohl an Afrika selber liegen und nicht an dem Wörtchen „ach“. Ich wollte durchaus ein ambivalentes Bild zeigen. Ein Bild von Afrika, das an einem Tag sehr optimistisch stimmt und an einem anderen Tag sehr pessimistisch stimmen kann. Es ist eine extreme Achterbahn der Gefühle, der man in Afrika ausgesetzt ist – zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Das wird ja auch in den Beispielen, die ich genannt habe, gespiegelt. Man hat einerseits im gleichen Jahr 1994 den schlimmsten Völkermord seit dem Holocaust in Ruanda und man hat die erste demokratische Wahl in der Geschichte Südafrikas und das Ende der Apartheid. Man hat den Traum und den Alptraum Afrikas gleichzeitig. Und da sage ich dann dazu eben: „Ach, Afrika“.

Das Interview führte Katharina Göbel, ARTE Deutschland TV GmbH, 08.04.2004

"Der Alptraum Afrikas und der Traum Afrikas fanden gleichzeitig statt." Mehr über dieses Afrika der Widersprüche, das Bartholomäus Grill in diesem Interview angesprochen hat, können Sie in folgenden beiden Büchern erfahren:


Bartholomäus Grill
Ach, Afrika
Verlag: Siedler, 2003
ISBN: 3886807541













Linda Melvern
Ruanda
Diederichs, März 2004
ISBN: 3720524868

Klicken Sie hier, um eine Rezension zu "Ruanda" zu lesen.

Erstellt: 23-04-04
Letzte Änderung: 28-04-04