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Heinrich Heine - 26/05/14

"...und grüßen Sie mir die Welt"

Ein Leben in Briefen.


In dieser Auswahl der „schönsten und bedeutendsten“ Briefe Heines tritt auch der Mensch hervor und scheint uns ganz nah und zeitgemäß

Herausgegeben von Bernd Füllner und Christian Liedtke.

Eine Rezension von Ariane Thomalla

Sagen wir es gleich: Dieses Buch ist ein Glücksfall! Auch wenn auf den ersten Blick der Titel „…Und grüssen Sie mir die Welt. Ein Leben in Briefen“ eher nach den sechziger Jahren klingt und auch die Überschriften der sechs Lebensabschnitte des Dichters „Zwischen Rhein und Elbe“, „Der ungezogene Liebling der Grazien“, „Der sterbende Aristophanes“ etwas Altmodisch-Germanistisches haben. Und einem gleich die Fußnoten unter den Briefen zu fehlen scheinen. Wie sonst private Spezifika zwischen Briefpartnern von einst verstehen? Doch was hier arrangiert ist, ist besser.

Die beiden Herausgeber Bernd Füllner und Christian Liedtke, beide ausgewiesene Heine-Philologen, liefern das notwendige Wissensumfeld kompakt und nicht ohne professionelle Brillanz in einem ausführlichen Personenlexikon, das alle Adressaten im Kontext von Heines Leben porträtiert, ob die Principessa Belgiojoso, Ludwig Börne, Karl Gutzkow, Karl und Jenny Marx oder Heines Verleger Julius Campe, ob Salomon Heine, der schwierig-störrische Bankier-Oheim in Hamburg, der des Neffen Studium und zum Teil sein Leben finanzierte, ob George Sand, Franz Liszt, Else Krinitz, Heines „Mouche“ der letzten Tage oder Betty Heine, die Mutter, geborene van Geldern. Außerdem hat Christian Liedtke den sechs Kapiteln je einen Essay vorangestellt, der die Briefe in ihren Zeitraum bettet.

Philologisch perfekt und trotzdem mit leichter Hand,
so dass in diesen - wie der Klappentext verrät – „schönsten und bedeutendsten“ Briefen Heines auch der Mensch „hervortritt“ und uns ganz nah und zeitgemäß scheint. Wenn er zum Beispiel in noch jungen Jahren nach dem Erfolg des „Buchs der Lieder“ und des noch größeren der „Reisebilder“ ahnungsvoll sarkastisch schreibt: „Ich werde wahrscheinlich die Zahl jener edelsten und größten Männer Deutschlands vermehren, die mit gebrochenem Herzen und zerissenem Rock ins Grab steigen. In Düsseldorf wird mir dann wohl ein Monument gesetzt werden.“

Heine in seinen Höhen und Tiefen. Zum Beispiel, was sein kritisches Genie angeht. „Sie werden in den nächsten Bänden der Reisebilder viel prosaisch Tolles, Herbes, Verletzendes und Zürnendes lesen.“ Schreibt er Anfang der Dreißiger Jahre unter dem Druck des Metternich-Systems, das der Kunst keine Luft zum Atmen ließ und mit Zensur wütete. „Es ist eine gar zu schlechte Zeit, und wer die Kraft und den freien Muth besitzt, hat auch zugleich die Verpflichtung, ernsthaft in den Kampf zu gehen gegen das Schlechte, das sich so aufbläht, und gegen das Mittelmäßige, das sich so breit macht, so unerträglich breit.“ 1835 werden die Schriften des Jungen Deutschland, und damit auch seine verboten. Anlass zu Worten wie „Ich gebe das Schwert nicht aus den Händen, bis ich hinsinke.“ Und: „Es ist gut, wenn die Schlechten den rechten Mann einmahl finden, der rücksichtslos und schonungslos für sich und für Andere Vergeltung übt.“

Kein Wunder, dass er viele Feinde hatte. Seine Freunde warfen sich dafür ganz für ihn ins Zeug.
In Berlin Varnhagen von Ense, der über ihn wachte und immer wieder drängte, aus dem Deutschland des „Nationalservilismus“ und des „Schlafmützenthums“ und der Gefahr für sein „freigeystiges“ Temperament nach Paris zu gehen, wo die Julirevolution stattgefunden habe. Bald lagen preußische Grenzhaftbefehle gegen ihn vor. In Varnhagens Frau Rahel Levin sah Heine schon während seiner Berliner Studentenzeit seine „Patronin“: „Die liebreiche Freundinn, die sich oft nicht wenig ängstigte in jener Zeit meiner jugendlichen Übermüthen, in jener Zeit, als die Flamme der Wahrheit mich mehr erhitzte als erleuchtete.“

Heine bekannte sich im Gegensatz etwa zu Goethe oder Schiller als Briefschreiber im „Negligee-Gewand“, was ihm „tausendmahl lieber“ sei als „der Galla-Brief“. Der Brief solle immer „ein Thermometer“ sein, „woraus man meine Gemüthsstimmung erkennen kann. Das ist doch am Ende die Hauptsache, die man aus Briefen der Freunde ersehen will.“

Auch sein Judentum erscheint im neuen Licht.
Da werden die antisemitischen Hep-Hep-Krawalle von 1819, gegen die nur „sporadisch“ seitens der Polizei eingegriffen wurde, und die Aufhebung des 1812 von den Franzosen erlassenen Edikts für die Gleichstellung der Juden im Jahr 1822 als Grund angeführt, dass es schlecht um die Berufsaussichten des Juristen Heine in deutschen Landen stand. „Getauft, als Dr. Juris, und hoffentlich gesund werde ich demnächst nach Hamburg gehen,“ verkündete er noch hoffnungsfroh. Aber weder in Hamburg konnte er als Advokat oder Ratssyndikus landen, noch in München, wo er sogar nahmhafte Fürsprecher hatte für die angestrebte Professur. Jedoch - „Als mich die Pfaffen im München zuerst angriffen und mir den Juden zuerst auf Tapet brachten“ – war die Sache verloren. Andererseits wurde er auch von jüdischer Seite angegriffen. „Es wäre mir sehr leid, wenn mein eignes Getauftseyn Dir in einem günstigen Licht erscheinen könnte“ schrieb er 1825 voll Ironie an Moses Moser, seinen Freund: „Ich versichere Dich, wenn die Gesetze das Stehlen silberner Löffel erlaubt hätten, so würde ich mich nicht getauft haben.“ Und selbstspöttisch fügte er hinzu: „Ich stehe oft auf des Nachts, stelle mich vor den Spiegel und schimpfe mich aus.“ Andere Briefe spiegeln wieder, wie sehr er in den jüdischen Kreisen zuhause war. In Paris war er ständiger Gast im Hause Rothschild.

Die Briefe an die Mutter rühren in ihrer Zärtlichkeit an:
„Dein Jammern, liebe Mutter, über das außerordentliche Malheur mich nicht zu sehen, mußt du einstellen.“, schrieb er ihr, als er nicht nach Deutschland reisen konnte und verheimlicht ihr, wie schwer krank er war. Auch Mathilde, seine Frau, empfing zärtlich-erotische Briefe. Heine hatte sich das 19jährige schöne Mädchen aus dem Schuhladen ihrer Tante zu sich geholt und finanzierte ihr zwei Jahre ein Pensionat in Paris. Sie habe ihn daran gehindert, immer wieder in Melancholie zu versinken, verrät er und sichert voll Verantwortung ihre finanzielle Existenz nach seinem Tod.

„Und jetzt leide ich, ungewöhnlich heftig, seit 14 Tagen an meinem Kopf“. Ein Thema, das sich durchzieht. Hypochondrie oder Vorzeichen? Bis heute ist nicht diagnostiziert, woran er litt. Syphilis, Multiple Sklerose, Tuberkulose mit Rückenmarkshaut- und Hirnhautentzündung? Erst quälte ein Augenleiden, dann waren im Jahr 1848 seine Beine gelähmt. Dem langen Hinsiechen in der „Matratzengruft“ trotzte er noch einige Werke ab. „Liebster Campe, mein Geist ist abhängig von einem hundsföttisch kranken Körper, der mich manchmal im Stich lässt. Eventualiter, für den Fall, dass der dunkelste Fall, nämlich das Menschlichste einträte, habe ich mir eine Mappe angeschafft, worin ich alles Manuskript, das dazugehört, so geordnet als möglich zusammenlege, so dass , wenn Ihnen dasselbe zugestellt wird, Sie selber im Stande wären, mir den Liebesdienst eines Herausgebers zu erzeigen.“ „Februar 56. Dem großen Alexandros (von Humboldt) sendet seinen letzten Gruß der sterbende H. Heine“.

Hinter dieser Briefausgabe steht ein Großprojekt, das sogenannte Heinrich-Heine-Portal, zu finden unter www.hhp.uni-trier.de Seit September 2002 im Aufbau, präsentiert es den gesamten Briefwechsel Heines, 3255 Briefe. Und einen Augenschmaus: 2420 Briefhandschriften als digitale Faksimiles.

von Ariane Thomalla


  • Werfen Sie einen Blick auf "Heines Schreibtisch" mit biographischen Notizen und Briefen aus 6 verschiedenen Lebensabschnitten

"... und grüßen Sie mir die Welt"
Ein Leben in Briefen
Bernd Füllner (Herausgeber), Christian Liedtke (Herausgeber)
Hoffmann und Campe, 2005
ISBN : 3-455-09512-7





Erstellt: 14-02-06
Letzte Änderung: 26-05-14